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Handlung - Struktur - System

Die Konvergenz handlungsorientierter und systemorientierter Perspektiven

-- Helmut Nolte, Professor für Sozialpsychologie und -Anthropologie an der Ruhr-Universität Bochum, 1998 im August --

Die Annäherung handlungstheoretischer an systemtheoretische Ansätze

Emergenzeffekte als Systemische Effekte

Essers Auseinandersetzung mit der Systemtheorie spitzt sich auf die von Luhmann formulierte Streitfrage zu, "ob die Einheit eines Elements als Emergenz 'von unten' oder durch Konstitution 'von oben' zu erklären sei". Esser bekennt sich zu einer an der dialektischen Tradition orientierten Sichtweise, die die Gesellschaft "als Produkt der wechselseitigen Konstruktion und Konstitution von Mensch und Gesellschaft" begreift, also die Konstitution von oben mit der Emergenz von unten verbindet.
Die System-Umwelt-Differenzierung erlaube es, die persönlichen und sozialen Handlungsbezüge analytisch zu trennen und theoretisch - über das Konzept der Interpenetration von Persönlichkeits- und Sozialsystemen bei Parsons oder der Koevolution psychischer und sozialer Systeme bei Luhmann - wieder in Beziehung zu setzen.

Soziale Struktur und soziales System

Giddens Strukturierungstheorie und seine These von der Dualität der sozialen Struktur, die ebenso das Resultat wie Voraussetzung und Medium von Handeln und Interaktion bildet, ist inzwischen zu einer Standardformel geworden. Die soziale Struktur als Gesamtheit der institutionellen und organisatorischen Komplexe von Regeln und Ressourcen gehört für ihn zu den unterscheidenen Merkmalen sozialer Systeme; sie ist "rekursiv in die Reproduktion sozialer Systeme einbegriffen".
Der Systembegriff dient Giddens vor allem dazu, soziale Einheiten durch ihre Grenzen zu identifizieren. Ein besonderer Vorzug liegt für ihn darin, dass der Begriff der Systemgrenzen mehrdeutig ist, territoriale Grenzen ebenso umfaßt wie Sinngrenzen, abstrakte Räume ebenso wie konkrete Orte. Giddens Hauptkennzeichen der Theorie der Strukturierung ist, dass die Ausdehnung und Geschlossenheit von Gesellschaften über Raum und Zeit hinweg als grundlegend kontingent angesehen wird.

Empirisch überprüfbare Systemmerkmale

Gesellschaftliche Teilsysteme werden als gesellschaftsweit und zunehmend international etablierte Handlungszusammenhänge begriffen. Ihr Konstitutionskriterium bildet ein spezieller Sinn, der auf der normativ-kognitiven Ebene als besondere Handlungslogik oder Handlungsrationalität, auf der Handlungsebene als rollen- bzw. berufsgebundene Tätigkeit identifizierbar ist. Die individuellen Akteure tragen zur Kopplung der funktionalen Teilsysteme (Sport-, Religions-, Forschungs-, technische Infrastruktursysteme, etc.) bei, weil sie als Rollenträger gleichzeitig an verschiedenen Systemen teilnehmen und mehrere Systemsprachen sprechen können.

Die drei Stufen der systemischen Ausdifferenzierung:

    Handlungsrolle
    Berufsrolle
    Ausbildung einer Sozialstruktur (organisatorische bzw. netzwerkartige Zusammenfassung der Rolleninhaber, Einrichtungen für die Übermittlung von Wissen und Fertigkeiten, Etablierung formaler Organisationen)

Teilsysteme beruhen auf realitätsschaffende Akteurfiktionen im Sinne sich selbst erfüllender Prophezeiung (Schimank).

Autopoiesis

Autopoiesis der Teilsysteme gründet in staatlich gewährten Monopolrechten, staatlich sanktionierten Zwangsmitgliedschaften und Zwangsbeiträgen oder einem staatlich gesicherten Anspruch auf unmittelbare Alimentierung aus dem Steueraufkommen.

Die Dynamik sozialer Systeme und die Dynamik von Akteurkonstellationen

Nach Schimank erfaßt die Perspektive der Systemintegration die soziale Wirklichkeit als sich selbst regulierendes, handlungsprägendes System mit einer emergenten Eigenlogik und entsprechenden funktionalen Erfordernissen. In der Perspektive der Sozialintegration wird die soziale Wirklichkeit als Konstellation individueller und kollektiver Akteure gefaßt. Schimank wendet diese beiden Perspektiven konsequent auf alle soziale Systeme an. Die gesellschaftliche Differenzierung resultiert für Schimank aus der Wechselwirkung zwischen den handlungsprägenden gesellschaftlichen Funktionssystemen und den handlungsfähigen Sozialsystemen.

Schimank verknüpft zwei Perspektiven der strukturellen Dynamik moderner Gesellschaft:

Schimank unterscheidet drei gesellschaftliche Strukturdimensionen:

    gesellschaftliche Teilsysteme
    institutionelle Ordnungen
    Akteurskonstellationen

Lebensweltliche und moralische Kommunikation als Umwelt funktionaler Teilsysteme

Habermas erkennt in seinem ersten Integrationsmodell die strukturellen Effektivitätsgewinne von Systemintegration und funktionaler Differenzierung als ein unverzichtbares, konstitutives Merkmal moderner Gesellschaften an, wobei die sozialen Systeme für ihn aus der lebensweltlichen Praxis hervorgehen. Habermas nähert sich der Systemtheorie nach Parsons triadischer Konstellation von Persönlichkeits-, sozialem und kulturellem System. Dem luhmannschen Modell autopoietischer Systeme entspricht für Habermas nur die kapitalistische Ökonomie. Bei anderen Systemen wie dem Rechtssystem und dem politischen System, erst recht aber bei den Systemen kultureller Reproduktion und Sozialisation, bezweifelt er die Autopoiesis, weil diese Systeme über einen gemeinsamen Code der Umgangssprache miteinander verbunden sind und einen Bezug zu den öffentlichen und privaten Sphären der Lebenswelt aufrechterhalten.

Nach Habermas ist das politische System nur eines von mehreren funktionalen Teilsystemen. Es steht "als rechtsstaatlich reguliertes Handlungssystem mit der Öffentlichkeit in Verbindung und ist angewiesen auf die lebensweltlichen Quellen kommunikativer Macht."

Die Annäherung systemtheoretischer an handlungstheoretische Ansätze

Funktionssysteme und Akteurkonstellationen

Die Autopoiesis funktionaler Teilsysteme im luhmannschen Sinne bildet für Münch nur ein analytisches Konstrukt. Das reale Handeln von korporativen Akteuren als Repräsentanten der funtionalen Teilbereiche sowie der individuellen Akteure als Rollenträger oder Agenten der korporativen Akteure dürfe keineswegs mit dem Vollzug autopoietischer Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt werden; im Unterschied zu den Teilsystemen, "die aus ihrem Code nicht hinausspringen können", sei es "dem gesellschaftlichen Kollektiv und den Individuen möglich, Korrekturen an ihren Institutionen und an ihrem Handeln vorzunehmen und die Grenzen spezifischer Codes zu sprengen".
Rollenträger wie Wirtschaftsmanager, Verwaltungsexperten, Wissenschaftler und Politiker beherrschen deshalb neben der allgemeinen Umgangssprache mehrere funktionsspezifische Sprachen. So ist beispielsweise das Rollenhandeln des Politikers keinesfalls mit dem reinen Machtcode identisch; es kann nur erfolgreich sein, wenn es darüber hinaus auch sozialen Einfluß, kulturelle Legitimität, rechtliche Konsistenz und ökonomische Rationalität mobilisieren kann.

Soziale Systeme als Handlungssysteme

Konkrete Personen gehören auch zur Umwelt des sozialen Systems, weil sie - als "Personalsysteme" - eigene Handlungszusammenhänge mit selbstständigen Ordnungsschwerpunkten und eigener Bestandsproblematik bilden: Sozialsysteme und Personalsysteme kommen also in einzelnen Handlungen zur Deckung.

Unter Handlungen versteht Luhmann in Anlehnung an Schütz herausgehobene Einheiten des Erlebens, Verhaltens und Handelns. Seine Emergenzperspektive "von oben" und "von unten" richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Spannung zwischen den strukturierten bzw. generalisierten und normierten Handlungserwartungen einerseits, dem faktischen Handlungsvollzug andererseits. Die Abweichungen der faktischen Hanldungsvollzüge führen zwar nicht notwendig zur Strukturveränderung, weil sie partiell vom System als Bestätigung der Regel aufgefangen und eingearbeitet werden. Doch insgesamt bilden sie eine permanente Quelle sozialen Wandels: von intendierten und nichtintendierten Strukturveränderungen über institutionelle Neugründungen bis zur Auflösung sozialer Systeme.

Als symbiotische Mechanismen bezeichnet Luhmann spezielle gesellschaftliche Einrichtungen, die die Verknüpfung des Gesellschaftssystems mit den organismischen und psycho-physischen Systemen des Menschen regulieren, beispielsweise die legitime Ausübung von Sexualität und Gewalt.
Die symbiotischen Mechanismen entwickeln sich gleichzeitig mit der Ausdifferenzierung symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. Auch die spezialisierten Medien gesellschaftlicher Teilbereiche wie Macht, Geld, Liebe, Wahrheit und Schönheit werden von entsprechend ausdifferenzierten symbiotischen Mechanismen begleitet.

Die luhmannsche Doppelperspektive zeigt sich auch in der Verknüpfung von Systemebenen bzw. Systemtypen von Interaktion, Organisation und Gesellschaft.

Individuelle Akteure als Umwelt von Kommunikationssystemen

Der Begriff sozialer Autopoiesis ist durchaus auch mit handlungsorientierten Ansätzen verträglich. Luhmann meint damit nämlich zunächst nicht mehr als die Reproduktion "im alten Sinne dieses Begriffs: Produktion aus Produkten, Bestimmung des Zustandes des Systems als Ausgangspunkt für jede weitere Bestimmung des Zustands des Systems".
Luhmann definiert die Autopoiesis sozialer Systeme als die "rekursive Ermöglichung eigener Operationen durch die Resultate eigener Operationen".

Kommunikation bildet nicht die Grundheit sozialer Systeme. Elementare Einheiten bilden Handlungen und zwar auf der Ebene der Selbstbeobachtung oder Selbstbeschreibung und nicht auf der Ebene der Selbstkonstitution sozialer Systeme.
Auch personale Systeme werden nicht mehr als Bestandteile sozialer Systeme betrachtet, die mit bestimmten Anteilen in das soziale System "hineingeflochten" sind. Sie gehören als psychische Systeme ausnahmslos der Umwelt sozialer Systeme an. Die operative Geschlossenheit autopoietischer Sozialsysteme wird so streng gefasst, dass psychische und soziale Systeme überschneidungsfrei nebeneinander operieren. "Personen" erscheinen dabei ebenfalls als soziale Produkte der Kommunikation.

Inzwischen läßt Luhmanns Modell der strukturellen Kopplung von Systemen eine weitreichende Resonanz autopoietisch geschlossener Systeme zu, die auch die Anpassung der Programmatik und Struktur sozialer Systeme einschließt. Je dauerhafter die strukturelle Kopplung, desto größer die Chance, dass innerhalb der gekoppelten Systeme ein "structural drift" entsteht, der die wechselseitige Umweltadäquanz verbessert.

Ein Beispiel für die gesellschaftliche Relevanz der psychischen Umwelt bilden die neuen sozialen Bewegungen, vor allem die Ökologiebewegung. Sie haben durch die Bündelung ganz unterschiedlicher individueller Motivlagen erreicht, gesellschaftliche Probleme und Defizite, die von den funktionalen Teilsystemen der Gesellschaft vernachlässigt worden waren, in die öffentliche Kommunikation und Selbstbeschreibung der Gesellschaft einzubringen und auf diesem Wege schließlich sogar die Teilsysteme selbst zum Nachdenken zu bewegen.

Nach Habermas konzipiert sich das Verhältnis zwischen den Spezialkommunikationen der Teilsysteme und der allgemeingesellschaftlichen Kommunikation durch einen theoretischen Widerspruch, der nur auflösbar ist, wenn die "ans Medium der Umgangssprache gebundene Lebenswelt der Umwelt der funktionalen Teilsysteme zugerechnet wird".

Nach Willke sind Entscheidungshandlungen die elementaren Einheiten der organisationalen Operationsweise. Die etablierten organisationalen Strukturen bilden lediglich Bahnen, auf denen Entscheidungen laufen, d. h. Bereiche oder Korridore erhöhter Wahrscheinlichkeit; sie können das Entscheidungshandeln der Individuen aber nicht determinieren, da eine konkrete Entscheidung immer auch anders ausfallen kann. Organisationen müssen für Willke eine Balance zwischen operativer Geschlossenheit und Responsivität finden, d. h. Empfänglichkeit für die Effekte der eigenen Operationsweise der persoanalen Umwelt.
Für Willke variiert der Einfluss der individuellen Akteure mit den verschiedenen Systemebenen bzw. -typen: Je höher die Komplexität der Sozialsysteme, desto stärker werden die Wirkungen der individuellen Handlungen an den Grenzen der je übergeordneten Sozialsysteme mit ihren emergierenden Eigenschaften und Eigengesetzlichkeiten gebrochen.

Soziale Systeme als Handlungs- und Kommunikationssysteme

Handlungs- und akteurorientierte Perspektiven lassen sich mit dem Modell autopoietischer Kommunikationssysteme vereinbaren, indem das Handeln individueller Akteure konsequent als äußere oder innere Umwelt konzipiert wird. Handeln und Kommunikation werden dabei als Einheit der Differenz von sozialem System und Umwelt integriert.

Für Hejl sind soziale Systeme nicht autopoietisch, sondern ihre Komponenten: die Individuen mit ihren selbsterhaltenden organismischen Systemen und deren selbstreferentiell operierenden neuronal-kognitiven Subsystemen. Gesellschaften konstruiert Hejl als Netzwerke sozialer Systeme. Während Hejl mit Luhmanns Konzept der sozialen Autopoiesis bricht, hält Stichweh daran so weit wie möglich fest, stellt sich aber dabei die Frage, ob dies auch für das soziale System der Wissenschaften gelten kann:

Martens begreift alle autopoietischen Sozialsysteme als zusammenhängende Sequenzen sozialer Handlungen und Kommunikationen: