
Die drei Stufen der systemischen Ausdifferenzierung:
Teilsysteme beruhen auf realitätsschaffende Akteurfiktionen im Sinne sich selbst erfüllender Prophezeiung (Schimank).
Autopoiesis
Autopoiesis = Selbstherstellung, Selbstschöpfung. Autopoietische Systeme erzeugen die Elemente aus denen sie bestehen, durch Elemente, aus denen sie bestehen: Gedanken erzeugen Gedanken; nur Gedanken erzeugen Gedanken. Kommunikation erzeugt Kommunikation; nur Kommunikation bringt weitere Kommunikation hervor. Autopoiesis meint nicht Autarkie. Auch autopoietische Systeme sind auf Umwelt angewiesen und ohne Umwelt nicht möglich. Autopoietische Systeme beziehen sich in ihren Operationen jedoch stets auf sich selbst. Autopoiesis schliesst Begriffe wie Selbstorganisation und Selbstreferenz (Selbstbezug) ein.
Autopoiesis der Teilsysteme gründet in staatlich gewährten Monopolrechten, staatlich sanktionierten Zwangsmitgliedschaften und Zwangsbeiträgen oder einem staatlich gesicherten Anspruch auf unmittelbare Alimentierung aus dem Steueraufkommen.
Schimank verknüpft zwei Perspektiven der strukturellen Dynamik moderner Gesellschaft:
Schimank unterscheidet drei gesellschaftliche Strukturdimensionen:
Nach Habermas ist das politische System nur eines von mehreren funktionalen Teilsystemen. Es steht "als rechtsstaatlich reguliertes Handlungssystem mit der Öffentlichkeit in Verbindung und ist angewiesen auf die lebensweltlichen Quellen kommunikativer Macht."
Unter Handlungen versteht Luhmann in Anlehnung an Schütz herausgehobene Einheiten des Erlebens, Verhaltens und Handelns. Seine Emergenzperspektive "von oben" und "von unten" richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Spannung zwischen den strukturierten bzw. generalisierten und normierten Handlungserwartungen einerseits, dem faktischen Handlungsvollzug andererseits. Die Abweichungen der faktischen Hanldungsvollzüge führen zwar nicht notwendig zur Strukturveränderung, weil sie partiell vom System als Bestätigung der Regel aufgefangen und eingearbeitet werden. Doch insgesamt bilden sie eine permanente Quelle sozialen Wandels: von intendierten und nichtintendierten Strukturveränderungen über institutionelle Neugründungen bis zur Auflösung sozialer Systeme.
Als symbiotische Mechanismen bezeichnet Luhmann spezielle gesellschaftliche Einrichtungen, die die Verknüpfung des Gesellschaftssystems mit den organismischen und psycho-physischen Systemen des Menschen regulieren, beispielsweise die legitime Ausübung von Sexualität und Gewalt.
Die luhmannsche Doppelperspektive zeigt sich auch in der Verknüpfung von Systemebenen bzw. Systemtypen von Interaktion, Organisation und Gesellschaft.
Kommunikation bildet nicht die Grundheit sozialer Systeme. Elementare Einheiten bilden Handlungen und zwar auf der Ebene der Selbstbeobachtung oder Selbstbeschreibung und nicht auf der Ebene der Selbstkonstitution sozialer Systeme.
Inzwischen läßt Luhmanns Modell der strukturellen Kopplung von Systemen eine weitreichende Resonanz autopoietisch geschlossener Systeme zu, die auch die Anpassung der Programmatik und Struktur sozialer Systeme einschließt. Je dauerhafter die strukturelle Kopplung, desto größer die Chance, dass innerhalb der gekoppelten Systeme ein "structural drift" entsteht, der die wechselseitige Umweltadäquanz verbessert.
Ein Beispiel für die gesellschaftliche Relevanz der psychischen Umwelt bilden die neuen sozialen Bewegungen, vor allem die Ökologiebewegung. Sie haben durch die Bündelung ganz unterschiedlicher individueller Motivlagen erreicht, gesellschaftliche Probleme und Defizite, die von den funktionalen Teilsystemen der Gesellschaft vernachlässigt worden waren, in die öffentliche Kommunikation und Selbstbeschreibung der Gesellschaft einzubringen und auf diesem Wege schließlich sogar die Teilsysteme selbst zum Nachdenken zu bewegen.
Nach Habermas konzipiert sich das Verhältnis zwischen den Spezialkommunikationen der Teilsysteme und der allgemeingesellschaftlichen Kommunikation durch einen theoretischen Widerspruch, der nur auflösbar ist, wenn die "ans Medium der Umgangssprache gebundene Lebenswelt der Umwelt der funktionalen Teilsysteme zugerechnet wird".
Nach Willke sind Entscheidungshandlungen die elementaren Einheiten der organisationalen Operationsweise. Die etablierten organisationalen Strukturen bilden lediglich Bahnen, auf denen Entscheidungen laufen, d. h. Bereiche oder Korridore erhöhter Wahrscheinlichkeit; sie können das Entscheidungshandeln der Individuen aber nicht determinieren, da eine konkrete Entscheidung immer auch anders ausfallen kann. Organisationen müssen für Willke eine Balance zwischen operativer Geschlossenheit und Responsivität finden, d. h. Empfänglichkeit für die Effekte der eigenen Operationsweise der persoanalen Umwelt.
Für Hejl sind soziale Systeme nicht autopoietisch, sondern ihre Komponenten: die Individuen mit ihren selbsterhaltenden organismischen Systemen und deren selbstreferentiell operierenden neuronal-kognitiven Subsystemen. Gesellschaften konstruiert Hejl als Netzwerke sozialer Systeme. Während Hejl mit Luhmanns Konzept der sozialen Autopoiesis bricht, hält Stichweh daran so weit wie möglich fest, stellt sich aber dabei die Frage, ob dies auch für das soziale System der Wissenschaften gelten kann:
Martens begreift alle autopoietischen Sozialsysteme als zusammenhängende Sequenzen sozialer Handlungen und Kommunikationen:
Autopoiesis bezeichnet den Prozess, den eine Organisation selbst hervor bringt. Eine autopoiesische Organisation ist eine autonome und selbstbestimmte Einheit, die als wesentliche Komponente der Produktion Prozesse versteht. Diese Komponenten generieren durch sich selbst rekursiv das selbe Prozessnetzwerk, aus dem sie selbst hervorgegangen sind. Ein autopoiesisches System ist geschlossen und strukturell vom Staatswesen bestimmt ohne dabei offensichtliche In- oder Outputs zu generieren. Eine Zelle, ein Organismus und vielleicht auch eine Korporation sind Beispiele eines autopoiesischen Systems (weitere Information zur Autopoiesis in Englisch).
Quelle: Reto Eugster, SchweizDie Dynamik sozialer Systeme und die Dynamik von Akteurkonstellationen
Nach Schimank erfaßt die Perspektive der Systemintegration die soziale Wirklichkeit als sich selbst regulierendes, handlungsprägendes System mit einer emergenten Eigenlogik und entsprechenden funktionalen Erfordernissen. In der Perspektive der Sozialintegration wird die soziale Wirklichkeit als Konstellation individueller und kollektiver Akteure gefaßt. Schimank wendet diese beiden Perspektiven konsequent auf alle soziale Systeme an. Die gesellschaftliche Differenzierung resultiert für Schimank aus der Wechselwirkung zwischen den handlungsprägenden gesellschaftlichen Funktionssystemen und den handlungsfähigen Sozialsystemen.
Luhmanns Konzeption der Evolution und Koevolution strukturell gekoppelter, autopoietischer Teilsysteme und die an den Rational-Choice-Prämissen orientierte akteurtheoretische Konzeption strategischen Handelns. Beide Dynamiken stehen in Wechselwirkung, wobei die Dynamik der Akteurkonstellationen der gesellschaftlichen Evolution der Teilsysteme ihre bestimmte Richtung verleiht.
gesellschaftliche Teilsysteme
institutionelle Ordnungen
Akteurskonstellationen
Lebensweltliche und moralische Kommunikation als Umwelt funktionaler Teilsysteme
Habermas erkennt in seinem ersten Integrationsmodell die strukturellen Effektivitätsgewinne von Systemintegration und funktionaler Differenzierung als ein unverzichtbares, konstitutives Merkmal moderner Gesellschaften an, wobei die sozialen Systeme für ihn aus der lebensweltlichen Praxis hervorgehen. Habermas nähert sich der Systemtheorie nach Parsons triadischer Konstellation von Persönlichkeits-, sozialem und kulturellem System. Dem luhmannschen Modell autopoietischer Systeme entspricht für Habermas nur die kapitalistische Ökonomie. Bei anderen Systemen wie dem Rechtssystem und dem politischen System, erst recht aber bei den Systemen kultureller Reproduktion und Sozialisation, bezweifelt er die Autopoiesis, weil diese Systeme über einen gemeinsamen Code der Umgangssprache miteinander verbunden sind und einen Bezug zu den öffentlichen und privaten Sphären der Lebenswelt aufrechterhalten.Die Annäherung systemtheoretischer an handlungstheoretische Ansätze
Funktionssysteme und Akteurkonstellationen
Die Autopoiesis funktionaler Teilsysteme im luhmannschen Sinne bildet für Münch nur ein analytisches Konstrukt. Das reale Handeln von korporativen Akteuren als Repräsentanten der funtionalen Teilbereiche sowie der individuellen Akteure als Rollenträger oder Agenten der korporativen Akteure dürfe keineswegs mit dem Vollzug autopoietischer Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt werden; im Unterschied zu den Teilsystemen, "die aus ihrem Code nicht hinausspringen können", sei es "dem gesellschaftlichen Kollektiv und den Individuen möglich, Korrekturen an ihren Institutionen und an ihrem Handeln vorzunehmen und die Grenzen spezifischer Codes zu sprengen".
Rollenträger wie Wirtschaftsmanager, Verwaltungsexperten, Wissenschaftler und Politiker beherrschen deshalb neben der allgemeinen Umgangssprache mehrere funktionsspezifische Sprachen. So ist beispielsweise das Rollenhandeln des Politikers keinesfalls mit dem reinen Machtcode identisch; es kann nur erfolgreich sein, wenn es darüber hinaus auch sozialen Einfluß, kulturelle Legitimität, rechtliche Konsistenz und ökonomische Rationalität mobilisieren kann.
Soziale Systeme als Handlungssysteme
Konkrete Personen gehören auch zur Umwelt des sozialen Systems, weil sie - als "Personalsysteme" - eigene Handlungszusammenhänge mit selbstständigen Ordnungsschwerpunkten und eigener Bestandsproblematik bilden: Sozialsysteme und Personalsysteme kommen also in einzelnen Handlungen zur Deckung.
Die symbiotischen Mechanismen entwickeln sich gleichzeitig mit der Ausdifferenzierung symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. Auch die spezialisierten Medien gesellschaftlicher Teilbereiche wie Macht, Geld, Liebe, Wahrheit und Schönheit werden von entsprechend ausdifferenzierten symbiotischen Mechanismen begleitet.
Man kann Wahrheiten, die bloß mitgeteilt werden, so lange für Hirngespinste halten, als sie nicht an für alle und jederzeit zugängliche Wahrnehmungen festgemacht werden. Man kann immer wieder an der Liebe des Anderen zweifeln, die Aufnahme sexueller Beziehungen gilt als Beweis. Geld behielte nicht seinen Wert, wenn nicht einige der Bedürfnisbefriedigungen, die es in Aussicht stellt, faktisch vollzogen würden, und Macht könnte nicht über Antizipation von Reaktionen, hier Gewaltanwendung, generalisiert werden, wenn nicht die Sicherheit bestünde, dass solche Reaktionen des Machthabers praktisch vollzogen werden können. (Luhmann)
Individuelle Akteure als Umwelt von Kommunikationssystemen
Der Begriff sozialer Autopoiesis ist durchaus auch mit handlungsorientierten Ansätzen verträglich. Luhmann meint damit nämlich zunächst nicht mehr als die Reproduktion "im alten Sinne dieses Begriffs: Produktion aus Produkten, Bestimmung des Zustandes des Systems als Ausgangspunkt für jede weitere Bestimmung des Zustands des Systems".
Luhmann definiert die Autopoiesis sozialer Systeme als die "rekursive Ermöglichung eigener Operationen durch die Resultate eigener Operationen".
Auch personale Systeme werden nicht mehr als Bestandteile sozialer Systeme betrachtet, die mit bestimmten Anteilen in das soziale System "hineingeflochten" sind. Sie gehören als psychische Systeme ausnahmslos der Umwelt sozialer Systeme an. Die operative Geschlossenheit autopoietischer Sozialsysteme wird so streng gefasst, dass psychische und soziale Systeme überschneidungsfrei nebeneinander operieren. "Personen" erscheinen dabei ebenfalls als soziale Produkte der Kommunikation.
Für Willke variiert der Einfluss der individuellen Akteure mit den verschiedenen Systemebenen bzw. -typen: Je höher die Komplexität der Sozialsysteme, desto stärker werden die Wirkungen der individuellen Handlungen an den Grenzen der je übergeordneten Sozialsysteme mit ihren emergierenden Eigenschaften und Eigengesetzlichkeiten gebrochen.
Soziale Systeme als Handlungs- und Kommunikationssysteme
Handlungs- und akteurorientierte Perspektiven lassen sich mit dem Modell autopoietischer Kommunikationssysteme vereinbaren, indem das Handeln individueller Akteure konsequent als äußere oder innere Umwelt konzipiert wird. Handeln und Kommunikation werden dabei als Einheit der Differenz von sozialem System und Umwelt integriert.
Über das Forschungshandeln und seine Instrumente öffnet sich das Wissenschaftssystem für Umweltkontakte und praktische Erfahrungen mit dem wissenschaftlichen Gegenstand. Die operationelle Schließung und Integration des Gesamtsystems wird dadurch bewirkt, dass die Resultate der heterogenen Forschungshandlungen und die informellen Kommunikationen der Forscher anschließend wieder auf die Ebene der autopoietischen Kommunikation mit den strengen Regeln und Formzwängen der Publikaion transponiert werden müssen. Stichweh denkt sich die beiden Systemebenen auch als Systemtypen, die auf vielfältige Weise strukturell gekoppelt sind.
Wie Martens (1995) in einer Überprüfung der phänomenologischen Grundlagen der Systemtheorie hervorhebt, müssen keineswegs alle sozialen Handlungen und Kommunikationen in einem sozialen System primär und ausdrücklich an dessen konstitutiver Leitdiferenz und Thematik orientiert sein; es genügt, dass die vielfältigen Orientierungen und Unterscheidungen von einer mitlaufenden, passiven Anschauung des sozialen Systems als eines einheitlichen sozialen Gegenstands begleitet und als die verschiedenen Bestimmungen dieses selben Gegenstandes synthetitisiert werden.