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Die Frankfurter Schule

Gegründet wurde diese Denkrichtung an der Universität Frankfurt am 22. Juni 1924 durch die Eröffnung eines Instituts für Sozialforschung, gestiftet von dem Sohn eines Großindustriellen, namens Felix Weil.
Das Institut sollte eine Lehrstätte für Forschungen über die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, über Wirtschaftsgeschichte und Kritik der politischen Ökonomie werden. Max Horkheimer versuchte dann zu Beginn der 30er Jahre mit der Frankfurter Schule Tatsachenerkenntnis und Klarheit über das Grundsätzliche zu fordern und darüber hinaus aus der Erfahrung der ganzen Unmenschlichkeit des kapitalistischen Arbeitsprozesses die drängende Notwendigkeit der Änderung zu folgern. Leitwissenschaft wurde den Frankfurtern nicht die Physik, sondern die Soziologie. Neben dem Marxismus ging die Theorie aus Psychoanalyse (vgl. Erich Fromm) und Existentialismus hervor.

Mehr zum Thema bietet die TU-Harburg und zeigt auch weitere Denkrichtungen auf (Wiener Kreis, Kopenhagener Schule).

Strukturwandel der Öffentlichkeit

Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft

Propädeutische Abgrenzung eines Typus bügerlicher Öffentlichkeit

Die Begriffsbestimmung "öffentlich", "privat" und "Öffentlichkeit" sind zu unpräzise im Sprachgebrauch. Begriffe wie öffentliche Veranstaltung, öffentlichen Plätzen, öffentlichen Häusern, öffentliche Gewalt und öffentliche Anerkennung sind solche unpräzisen Begriffe, denn mit all den Begriffen ist nicht die öffentliche Meinung berührt.
Gleichwohl ist von "öffentlich" und dem, was nicht öffentlich, was "privat" ist, schon lange vorher die Rede. Es handelt sich um Kategorien griechischen Ursprungs, die uns in römischer Prägung überliefert sind. Im ausgebildeten griechischen Stadtstaat ist die Sphäre der Polis, die den freien Bürgern gemeinsam ist (koine), streng von der Sphäre des Oikos getrennt, die jedem einzeln zu eigen ist (idia).
Das öffentliche Leben, bios politikos, spielt sich auf dem Marktplatz, der agora, ab, ist aber nicht etwa lokal gebunden: Öffentlichkeit konstituiert sich im Gespräch (lexis), das auch die Form der Beratung und des Gerichts annehmen kann, ebenso wie im gemeinsamen Tun (praxis), sei es der Kriegsführung, sei es der kämpferischen Spiele.

Das Ende der repräsentativen Öffentlichkeit

Der Edelmann ist, was er repräsentiert, der Bürger, was er produziert:


Oder mit Nietzsche gesprochen: Der Mann bewährt sich nicht in dem was er kann, sondern als der, der er ist.

Zur Genese der bürgerlichen Öffentlichkeit

Weil die dem Staat gegenübergetretene Gesellschaft einerseits von öffentlicher Gewalt einen privaten Bereich deutlich abgrenzt, andererseits aber die Reproduktion des Lebens über die Schranken privater Hausgewalt hinaus zu einer Angelegenheit öffentlichen Interesses erhebt, wird jene Zone des kontinuierlichen Verwaltungskontraktes zu einer "kritischen" auch in dem Sinne, dass sie die Kritik eines räsonierenden Publikums herausfordert. Das Publikum kann diese Herausforderung um so eher annehmen, als es das Instrument, mit dessen Hilfe die Verwaltung die Gesellschaft zu einer im spezifischen Sinne öffentlichen Angelegenheit schon gemacht hatte, nur umzufunktionieren braucht - die Presse.
Schon seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts werden die Zeitungen durch Zeitschriften ergänzt, die nicht in erster Linie Informationen, sondern auch pädagogische Instruktionen, sogar Kritiken und Rezensionen enthalten.

Soziale Strukturen der Öffentlichkeit

Bürgerliche Öffentlichkeit ist die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute, die die obrigkeitlich reglementierte Öffentlichkeit alsbald gegen die öffentliche Gewalt selbst beanspruchen, um sich mit dier über die allgemeinen Regeln des Verkehrs in der grundsätzlich privatisierten, aber öffentlich relevanten Sphäre des Warenverkehrs und der gesellschaftlichen Arbeit auseinanderzusetzen.

Institutionen der Öffentlichkeit

Le public heißen im Frankreich des 17. Jahrhunderts die lecteurs, spectateurs, auditeurs als Adressaten, Konsumenten und Kritiker der Kunst und Literatur; noch verstand man darunter in erster Linie den Hof, dann auch die Teile des städtischen Adels samt einer schmalen bürgerlichen Oberschicht, die in den Logen der Pariser Theater sitzen. Zu diesem frühen Publikum gehören also Hof und "Stadt".
Wie in den Salons hat sich die Literatur in diesen Kaffeehäusern zu legitimieren, in denen die "Intelligenz" mit der Aristokratie zusammentrifft. Im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts gibt es in London bereits 3000 Kaffeehäuser. In Deutschland gibt es zu dieser Zeit keine Kaffeehäuser, da es auch noch keine "Städte" gibt. Ähnliche Elemente waren höchstens die gelehrten Tischgesellschaften, den alten Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Die Diskussionen in einem solchem Publikum setzt Problematisierung von Bereichen voraus, die bislang nicht als fragwürdig galten, selbst dann noch, als die Entwicklung des Kapitalismus für bestimmte soziale Kategorien bereits ein an Information und immer mehr Informationen rational orientiertes Verhalten verlangte.

Die großfamiliale "Öffentlichkeit" der Wohnhalle, in der die Frau des Hauses an der Seite des Hausherrn vor Gesinde und Nachbarschaft repräsentiert, weicht der kleinfamilialen des Wohnzimmers, wo die Ehegatten mit ihren unmündigen Kindern sich vor dem Personal absondern. Hausfeste werden zu Gesellschaftsabenden, das Familienzimmer wird zum Empfangszimmer, in dem sich die Privatleute zum Publikum versammeln. Das Empfangszimmer wird zu einem Ort der psychologischen Emanzipation.

Die literarische im Verhältnis zur politischen Öffentlichkeit

Dem "Gesetz", Inbegriff der generellen, abtrakten und permanenten Normen, zu deren bloßem Vollzug Herrschaft herabgesetzt werden soll, wohnt eine Rationalität inne, in der das Richtige mit dem Gerechten konvergiert.

Vor allem wird die Fiktion der einen Öffentlichkeit aber dadurch erleichtert, dass sie ja tatsächlich Funktionen im Zusammenhang der politischen Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft vom merkantilistischen Reglement, überhaupt vom absolutistischen Regiment übernimmt: weil sie das Prinzip der Publizität gegen die etablierten Autoritäten wendet, kann anfangs die objektive Funktion der politischen Öffentlichkeit mit deren aus Kategorien der literarischen Öffentlichkeit gewonnenem Selbstverständnis, kann das Interesse der Privateigentümer mit dem individueller Freiheit überhaupt konvergieren. John Lockes Basisformel der preservation of property subsumiert unter dem Titel "Eigentum" unbefangen life, liberty and estate in einem Atemzug; so leicht kann damals - nach einer Unterscheidung des jungen Marx - die politische Emanzipation mit der "menschlichen" identifiziert werden.

Politische Funktionen der Öffentlichkeit

Der Modellfall der englischen Entwicklung

In England bildet sich mit der Wende zum 18. Jahrhundert die Ständeversammlung in ein modernes Parlament um, ein Prozess, der sich über das ganze Jahrhundert hinzieht. Am Beginn dieser Entwicklung stehen drei Ereignisse aus den Jahren 1694 / 95: die Gründung der Bank von England, die Aufhebung des Instituts zur Vorzensur und die erste Kabinettsregierung. Politische Opposition auf nationaler Ebene war bis dahin als der Versuch einer gewaltsamen Durchsetzung von Interessen in Formen der Fronde und des Bürgerkriegs möglich gewesen; jetzt nahm sie, durch ein räsonierendes Publikum vermittelt, die Gestalt der Dauerkontroverse zwischen Regierungs- und Oppostionspartei an.

Die kontinentalen Varianten

Auch in Frankreich entsteht, allerdings erst Mitte des 18. Jahrhunderts, ein politisch räsonierendes Publikum. Zuerst befasst sich die Kritik der Philosophen vorab mit Religion, Literatur und Kunst; erst im Stadium ihrer enzyklopädischen Publikation entfaltet sich die moralische Intention der Philosophen, zumindest indirekt, zur politischen. Im Vergleich zu England schafft Frankreich mit der Revolution quasi über Nacht Institutionen, die sogenannten Clubparteien.
In Deutschland regt sich so etwas wie ein parlamentarisches Leben überhaupt erst, und dann auch nur kurzfristig, im Gefolge der französischen Julirevolution an den Residenzorten einiger süd- und südwestdeutscher Territorien, wo die von der Wiener Schlußakte 1815 empfohlenen Vertretungskörperschaften an gewisse landständische Traditionen angeknüpft hatten, dann durch die Karlsbader Beschlüsse fast überall gelähmt worden waren.

Bürgerliche Gesellschaft als Sphäre privater Autonomie: Privatrecht und liberalisierter Markt

Die Art der Funktion politisch fungierender Öffentlichkeit während des 18. Jahrhunderts läßt sich nur aus jener spezifischen Phase der Entwicklungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft im ganzen begreifen, in der sich Warenverkehr und gesellschaftliche Arbeit von staatlichen Direktiven weitgehend emanzipieren. Die Kodifikationen des bürgerlichen Rechts garantieren die Institution des privaten Eigentums und die Grundfreiheiten des Vertrages, des Gewerbes und der Vererbung.

Die widerspruchsvolle Institutionalisierung der Öffentlichkeit im bürgerlichen Rechtsstaat

Rechtssicherheit, nämlich die Bindung der Staatsfunktionen an generelle Normen, schützt, zusammen mit den im System des bürgerlichen Privatrechts kodifizierten Freiheiten, die Ordnung des "freien Marktes". Staatliche Eingriffe ohne Ermächtigung durch ein Gesetz sind, ihrem soziologischen Sinne nach, nicht primär darum verwerflich, weil sie naturrechtlich statuierte Prinzipien der Gerechtigkeit verletzten, sondern einfach, weil sie unvorhersehbar wären und darum genau die Art und das Maß an Rationalität versagten, das im Interesse der kapitalistisch fungierenden Privatleute liegt.

Öffentliche Meinung will, ihrer eigenen Intention nach, weder Gewaltenschranke noch selber Gewalt, noch gar Quelle aller Gewalten sein. In ihrem Medium soll sich vielmehr der Charakter der vollziehenden Gewalt, Herrschaft selbst verändern. Die "Herrschaft" der Öffentlichkeit ist ihrer eigenen Idee zufolge eine Ordnung, in der sich Herrschaft überhaupt auflöst.

Wo die rechtsstaatliche Ordnung sich nicht, wie in England, aus älteren Formationen des Ständestaates faktisch herausschält, sondern wie auf dem Kontinent in einem zugrunde gelegten Gesetz, eben dem Grundgesetz oder der Verfassung ausdrücklich sanktioniert wird, finden sich darin deutlich die Funktionen der Öffentlichkeit artikuliert:
Die Grundrechte garantieren die Sphären der Öffentlichkeit und des Privaten (mit der Intimsphäre als deren Kern), die Institutionen und Instrumente des Publikums einerseits (Presse, Parteien) und die Basis der Privatautonomie (Familie und Eigentum) andererseits, schliesslich die Funktionen der Privatleute, ihre politischen als Staatsbürger ebenso wie ihre ökonomischen als Warenbesitzer (und als "Menschen" die der individuellen Kommunikation, z. B. durch das Briefgeheimnis).

Bürgerliche Öffentlichkeit - Idee und Ideologie

Public opinion

Thomas Hobbes identifiziert "conscience", Bewußtsein und Gewissen in einem, mit "opinion". Er läßt sich von den Erfahrungen des konfessionellen englischen Bürgerkriegs leiten und entwirft im Leviathan (1651) einen Staat, der von den Überzeugungen und Gesinnungen der Untertanen unabhängig ist. Weil die Untertanen von der im Staatsapparat objektivierten Öffentlichkeit ausgeschlossen sind, wird der Streit ihrer Gesinnungen politisch unentscheidbar, ja, aus der Sphäre der Politik ist er ganz verwiesen - der Bürgerkrieg findet unter dem Diktat einer konfessionell neutralisierten Obrigkeit sein Ende.

Es bedarf nur des gesunden Menschenverstandes (bon sens oder sound reason), um das Gemeinwohl wahrzunehmen. Die einfachen, ja einfältigen Menschen würden durch die politischen Finessen der öffentlichen Diskussion bloß irritiert; lange Debatten gäben partikulären Interessen Auftrieb. Der Eintracht der Versammlungen stellt Jean-Jacques Rousseau die gefährlichen Einsprüche der Schönredner gegenüber. Rousseau will Demokratie ohne öffentliche Diskussion - und beansprucht damit den Titel der opinion publique.

Publizität als Prinzip der Vermittlung von Politik und Moral nach Imanuel Kant

(Kants Entwurf zum Ewigen Frieden).

Nach Kant bedeutet Unmündigkeit das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leistung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt. Ausserdem sei es für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten.

Mit der "Welt", in der sich Publikum konstituiert, ist Öffentlichkeit als Sphäre bezeichnet: Kant spricht von Weltkenntnis, er nennt den Mann von Welt. Dieser Sinn von Weltläufigkeit artikuliert sich im Begriff des Weltbürgertums, schließlich in dem des Weltbesten zur Idee einer Welt, die vielleicht im "Weltbegriff" der Wissenschaft am deutlichsten hervortritt - denn in Reinheit stellt sich Welt in der Kommunikation vernünftiger Wesen her.

Das räsonierende Publikum der "Menschen" konstituiert sich zu dem der "Bürger", wo es sich über die Angelegenheiten des "gemeinen Wesens" verständigt.

Kant entwickelt denn auch nach diesem Grundsatz die bestimmten soziologischen Voraussetzungen politisch fungierender Öffentlichkeit: sie hängen allemal an den privater Autonomie überlassenen gesellschaftlichen Beziehungen frei konkurrierender Warenbesitzer.

Ohne dadurch das Prinzip der Öffentlichkeit zu verletzen, sind mithin die Nichteigentümer vom Publikum der politisch räsonierenden Privatleute ausgeschlossen. Sie sind in diesem Sinne auch keine Bürger, sondern solche, die es mit Talent, Fleiß und Glück einmal dazu bringen können; bis auf Widerruf bloße Schutzgenossen, die den Schutz der Gesetze genießen, ohne sie selber machen zu dürfen. Kant macht die Politik zu einer Frage der Moral.

Nach Friedrich Hegel taugt die Öffentlichkeit aber nicht mehr zum Prinzip einer Vermittlung von Politik und Moral - in Hegels Begriff der öffentlichen Meinung wird die Idee der bürgerlichen Öffentlichkeit bereits als Ideologie denunziert.

Zur Dialektik der Öffentlichkeit (Hegel und Marx)

Laut Hegel kommt in der öffentlichen Meinung die empirische Allgemeinheit der Ansichten und der Gedanken der vielen zum Ausdruck:

Hegel definiert die Funktion der Öffentlichkeit als Rationalisierung der Herrschaft. Und wie Kant die Öffentlichkeit des Räsonnements für den Probierstein der Wahrheit ausgibt, an dem sich das Fürwahrhalten als für eines jeden Menschen Vernunft gültig erweisen kann, so verspricht sich auch Hegel von der öffentlichen Meinung,
"dass es ein anderes ist, was sich jemand zu Hause bei seiner Frau oder seinen Freunden einbildet, und wieder ein anderes, was in einer großen Versammlung geschieht, wo eine Gescheitheit die andere auffrißt."

Hegel entdeckt die tiefe Spaltung der bürgerlichen Gesellschaft, die
" von Natur gesetzte... Ungleichheit... nicht nur nicht aufhebt, sondern... zu einer Ungleichheit der Geschicklichkeit, des Vermögens und selbst der intellektuellen und moralischen Bildung erhebt."

Hegel hält an der Idee der Verwirklichung der Vernunft in einer "vollkommen gerechten Ordnung" fest; in ihr stimmen Gerechtigkeit und Glückseligkeit überein.

Sozialer Strukturwandel der Öffentlichkeit

Ein Monarch weiß,

Einhelligkeit der Politik mit der Moral weist Hegel überhaupt als eine falschgestellte Frage ab; gegen die durch Öffentlichkeit vermittelte Rationalisierung der Herrschaft setzt er einen weltgeschichtlichen Existentialismus der Volksgeister:

Marx sieht, dass sich eine "Republik", eben die Form des bürgerlichen Rechtsstaates, dort herausbilden muss, "wo die Privatsphäre eine selbständige Existenz erlangt". Marx denunziert die öffentliche Meinung als falsches Bewußtsein: sie verheimlicht vor sich selbst ihren wahren Charakter als Maske des bürgerlichen Klasseninteresses. Offenbar fehlen zunächst einmal die gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Gleichheit der Chance, dass jedermann mit Tüchtigkeit und "Glück" den Status eines Eigentümers und damit die Qualifikationen und Bildung, erwerben kann. Die Öffentlichkeit, der Marx sich konfrontiert sieht, widerspricht ihrem eigenen Prinzip allgemeiner Zugänglichkeit - das Publikum kann nicht länger beanspruchen, mit der Nation, die bürgerliche Gesellschaft mit Gesellschaft überhaupt identisch zu sein. Die Verfügung über privates Eigentum kann eben nicht umstandslos in die Freiheit autonomer Menschen umgesetzt werden. Gerade die Trennung des privaten vom öffentlichen Bereich verhindert auf der Stufe des Kapitalismus, was die Idee der bürgerlichen Öffentlichkeit verspricht.

Sobald die Masse der Nichteigentümer die allgemeinen Regeln des gesellschaftlichen Verkehrs zum Thema ihres öffentlichen Räsonnements erhebt, wird die Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens als solche zur allgemeinen Angelegenheit und nicht mehr bloß ihre Form privater Aneignung.

Öffentlichkeit soll letztendlich die Rationalisierung der politischen Herrschaft als einer Herrschaft von Menschen über Menschen sein.

Die ambivalente Auffassung der Öffentlichkeit in der Theorie des Liberalismus (John Stuart Mill und Alexis des Tocqueville)

Die Idee der Rationalisierung politischer Herrschaft hatte das bürgerliche Bewußtsein des 18. Jahrhunderts im Rahmen der Geschichtsphilosophie entworfen; aus deren Perspektive konnten auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen einer politisch fungierenden Öffentlichkeit in der Art einer "natürlichen Ordnung" konzipiert werden. Es sollte ja eine Naturbasis der Öffentlichkeit geben können, die grundsätzlich einen autonomen und im Prinzip harmonischen Ablauf gesellschaftlicher Reproduktion garantiert.

Mill beobachtete, wie die handarbeitende Bevölkerung, wie (in den USA) Frauen und Schwarze auf Gewährung des allgemeinen Wahlrechts dringen. Ausdrücklich billigt er alle Bewegungen, die sich gegen die Aristokratie des Geldes, des Geschlechts und der Farbe, gegen die Minoritätendemokratie der Warenbesitzer, die Plutokratie des großen Bürgertums empören. Auch Tocqueville beschwört als oppositioneller Abgeordneter in der Nationalversammlung wenige Tage vor der Februarrevolution, die er präzise voraussagt, die Regierung, nach und nach auch das Volk in den Kreis der Wahlberechtigten aufzunehmen.

Tocqueville betrachtet öffentliche Meinung eher als Zwang zur Konformität, denn als eine Kraft der Kritik:

Mill betrachtet die Öffentlichkeit als eine "Mehrheit im Geschworenenkollegium". Wie Mill dünkt es auch Tocqueville, dass es an der Zeit zu sein scheint, die öffentliche Meinung als eine Macht zu betrachten, die bestenfalls als Gewaltenschranke dienen kann, vorallem aber selbst wirksamer Beschränkung unterworfen werden muss.

Politischer Funktionswandel der Öffentlichkeit

tendentielle Verschränkung der öffentlichen Sphäre im privaten Bereich

Die bürgerliche Öffentlichkeit entfaltet sich im Spannungsfeld zwischen Staat und Gesellschaft, so dass sie selbst Teil des privaten Bereichs bleibt. Die Ausdehnung der öffentlichen Autorität über private Bereiche ist auch mit dem gegenläufigen Prozess einer Substitution staatlicher Gewalt durch gesellschaftliche verbunden. Erst diese Dialektik einer mit fortschreitender Verstaatlichung der Gesellschaft sich gleichzeitg durchsetzenden Vergesellschaftung des Staates zerstört allmählich die Basis der bürgerlichen Öffentlichkeit - die Trennung von Staat und Gesellschaft. Franz Neumann macht gegen das liberale Selbstverständnis des "Nachtwächterstaates" mit Recht den Einwand: er sei immer so stark gewesen, wie die politische und soziale Situation im bürgerlichen Interesse es erforderte.

Nach und nach fallen alle kapitalistisch fortgeschrittenen Länder den heiligen Grundsätzen des free trade einem neuen Protektionismus zum Opfer. Ebenso verstärkt sich auf den inneren Märkten der Zug zu oligopolischen Zusammenschlüssen. Dem entspricht die Bewegung auf dem Kapitalmarkt. Die Aktiengesellschaft erweist sich in Deutschland wie in den USA die trust company als wirksames Vehikel der Konzentration. Gewerkschaften bilden nicht nur auf dem Arbeitsmarkt ein organisiertes Gegengewicht, sie erstreben über die sozialistischen Parteien Einfluß auf die Gesetzgebung selber; dem begegnen die Unternehmer, überhaupt die "staatserhaltenden Kräfte", wie man sie seitdem nennt, mit der unmittelbaren Einlösung ihrer privaten gesellschaftlichen Macht in politische.

Der Staat übernimmt, über die gewöhnlichen Amtsgeschäfte hinaus, Dienstleistungen, die bis dahin privater Hand überlassen waren. Neben den öffentlichen Kosten der privaten Produktion entstehen, im Verhältnis zur wachsenden Kaufkraft der breiten Massen, ebenso öffentliche Kosten des privaten Konsums. Da nun der Interventionismus aus solchen Zusammenhängen hervorgeht, sind die interventionistisch abgeschirmten Sozialbereiche von einer staatlich bloß reglementierten Privatsphäre streng zu unterscheiden - die privaten Einrichtung selbst nehmen zu einem guten Teil halböffentlichen Charakter an; man kann geradezu vom quasi political character of pirvate economic units sprechen.

Eigentumsrechte werden nicht nur durch wirtschaftspolitische Interventionen eingeschränkt, sondern ebenso durch rechtliche Verbürgungen, die die formale Vertragsgleichheit der Partner in typischen sozialen Situationen auch materiell wiederherstellen sollen. Kollektivverträge, die exemplarisch im Arbeitsrecht, an die Stelle der individuellen treten, sichern den schwächeren Partner. Wenn heute Behörden, bei der Ausübung ihrer sozialstaatlichen Aufgaben, eine gesetzliche Normierung weitgehend durch das Instrument des Vertrages ersetzen, haben solche Verträge, ihrer pirvatrechtlichen Form ungeachtet, quasi-öffentlichen Charakter: denn eigentlich beruht unser Rechtssystem auf dem Gedanken, dass privatrechtliche Verträge letzlich unter dem Gesetz, nicht auf gleicher Stufe mit dem Gesetz stehen, und unser öffentliches Recht läßt Raum für Verträge nur, wo gleiche Ordnungsverhältnisse existieren... (Huber)
Hier zeigt sich zunehmend die Privatisierung des öffentlichen Rechts. Zumal wenn sich die öffentliche Verwaltung selbst bei ihren verteilenden, versorgenden und fördernden Leistungen privatrechtlicher Mittel bedient, werden die klassischen Kriterien des öffentlichen Rechts hinfällig.

Polarisierung von Sozial- und Intimsphäre

In dem Maße, in dem Staat und Gesellschaft sich wechselseitig durchdringen, löst sich die Institution der Kleinfamilie aus dem Zusammenhang mit Prozessen der gesellschaftlichen Reproduktion: die Intimsphäre, einst das Zentrum der privaten Sphäre überhaupt, rückt, soweit diese selbst sich entprivatisiert, gleichsam an deren Peripherie.

Die Industriewerke bauen Wohnungen oder verhelfen dem Arbeitnehmer sogar zu Hausbesitz, sie legen öffentliche Parks an, bauen Schulen, Kirchen und Bibliotheken, veranstalten Konzerte und Theaterabende, halten Fortbildungskurse ab, sorgen für Alte, Witwen und Waisen. Mit anderen Worten: eine Reihe von Funktionen, die ursprünglich von nicht nur im juristischen, sondern auch im soziologischen Sinn öffentlichen Institutionen erfüllt wurden, werden von Organisationen übernommen, deren Tätigkeit nicht-öffentlich ist. Amerikanische Autoren können daher die Sozialpsychologie des sogenannten Organization Man ohne Rücksicht darauf untersuchen, ob es sich jeweils um eine private Gesellschaft, eine halböffentliche Körperschaft oder eine öffentliche Verwaltung handelt - "organization" meint den Großbetrieb schlechthin.
Im gleichen Maße wie sich die Sphäre des Berufs verselbstständigt, zieht sich die der Familie auf sich selbst zurück: weniger der Verlust produktiver zugunsten konsumtiver Funktionen charakterisiert den Strukturwandel der Familie seit der liberalen Ära, als vielmehr ihre fortschreitende Ausgliederung aus dem Funktionszusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit überhaupt. Gegen die sogenannten basic needs, die die bürgerliche Familie einst als privates Risiko zu tragen hatte, wird heute das einzelne Familienmitglied öffentlich abgesichert.

Der von Schelsky diagnostizierte Zug zur Versachlichung der familialen Binnenverhältnisse entspricht einer Entwicklung, in deren Verlauf die Familie als primäre Agentur der Gesellschaft immer weniger beansprucht wird. Die heimliche Aushöhlung der familialen Intimsphäre findet im Haus- und Städtebau ihren architektonischen Ausdruck. Die Abgeschlossenheit des Privathauses, nach außen durch Vorgarten und Zaun deutlich betont, nach innen durch Vereinzelung und vielfältige Gliederung der Räume ermöglicht, ist heute ebenso durchbrochen, wie umgekehrt mit dem Verschwinden des Salons, der Empfangsräume überhaupt, seine Aufgeschlossenheit gegenüber dem geselligen Verkehr einer Öffentlichkeit gefährdet ist. Die Einschrumpfung der privaten Sphäre auf die inneren Bezirke einer weitgehend funktionsentlasteten und autoritätsgeschwächten Kleinfamilie, das Glück im Winkel - ist nur dem Scheine nach eine Perfektion der Intimität; denn in dem Maße, in dem sich die Privatleute aus ihren verbindlichen Rollen als Eigentümer in die rein "persönlichen" ihres unverbindlichen Freizeitspielraums zurückziehen, geraten sie hier, ohne Abschirmung durch einen institutionell gesicherten Familieninnenraum, unter den Einfluß halböffentlicher Instanzen unmittelbar.

Vom kulturräsonierenden zum kulturkonsumierenden Publikum

Anstelle der literarischen Öffentlichkeit tritt der pseudo-öffentliche oder scheinprivate Bereich des Kulturkonsums.

Wenn die Gesetze des Marktes auch in die den Privatleuten als Publikum vorbehaltene Sphäre eindringen, wandelt sich Räsonnement tendenziell in Konsum, und der Zusammenhang öffentlicher Kommunikation zerfällt in die wie immer gleichförmig geprägten Akte vereinzelter Rezeption. Diese sozialpsychologische Umfunktionierung des ursprünglichen Verhältnisses von Intimbereich und literarischer Öffentlichkeit hängt soziologisch mit dem Strukturwandel der Familie selbst zusammen.

Literarische Familienzeitschriften sind mit dem Strukturwandel der bürgerlichen Familie selbst obsolet geworden. Ihren Platz nehmen heute die weitverbreiteten Werbeillustrierten der Leseringe ein - selber, ihrem deklarierten Ziel der Umsatzsteigerung von Büchern zum Trotz, schon Zeugnisse einer Kultur, die nicht mehr der Kraft der Buchstaben vertraut.

In dem Maße, in dem Kultur nicht nur ihre Form, sondern auch den Inhalt nach zur Ware wird, entäußert sie sich Momente, deren Aufnahme eine gewisse Schulung voraussetzt - wobei die "gekonnte" Aneignung das Können selbst wiederum steigert.

Das Räsonnement verschwindet hinter dem Schleier der intern getroffenen Entscheidungen über Selektion und Präsentation des Materials. Sodann verändert sich der Anteil der politischen oder politisch relevanten Nachrichten: public affairs, social problems, economic matters, education, health - nach einer Einteilung amerikanischer Autoren eben die delayed reward news, werden von den immediate reward news: comic, corruption, accidence, desaster, sports, recreation, social events, human interest nicht nur zurückgedrängt, sondern - wie aus der charakteristischen Bezeichnung schon hervorgeht - auch tatsächlich weniger und seltener gelesen. Schließlich nehmen die Nachrichten überhaupt Formen der Einkleidung an, werden vom Format bis ins stilistische Detail einer Erzählung angeglichen (new stories); die strenge Scheidung von fact und fiction wird immer häufiger aufgegeben.

Die durch Massenmedien erzeugte Welt ist Öffentlichkeit nur noch dem Scheine nach; aber auch die Integrität der Privatsphäre, deren sie andererseits ihre Konsumenten versichert, ist illusionär. Öffentlichkeit wird zur Sphäre der Veröffentlichung privater Lebensgeschichten, sei es, dass die zufälligen Schicksale des sogenannten kleinen Mannes oder die planmäßig aufgebauter Stars Publizität erlangen, sei es dass die öffentlich relevanten Entwicklungen und Entscheidungen ins private Kostüm gekleidet und durch Personalisierung bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden.

Das ursprüngliche Verhältnis der Intimsphäre zur literarischen Öffentlichkeit kehrt sich um: die publizitätsbezogene Innerlichkeit weicht tendenziell einer intimitätsbezogenen Verdinglichung. Die Problematik der privaten Existenz wird in einem gewissen Grade von der Öffentlichkeit aufgesogen, unter der Oberaufsicht publizistischer Instanzen wenn nicht ausgetragen, so doch ausgebreitet.

Der Zerfall der literarischen Öffentlichkeit faßt sich in dieser Erscheinung noch einmal zusammen: der Resonanzboden einer zum öffentlichen Gebrauch des Verstandes erzogenen Bildungsschicht ist zersprungen; das Publikum in Minderheiten von nicht-öffentlich räsonierenden Spezialisten und in die große Masse von öffentlich rezipierenden Konsumenten gespalten. Damit hat es überhaupt die spezifische Kommunikationsform eines Publikums eingebüßt.

Der verwischte Grundriss: Entwicklungslinien des Zerfalls bürgerlicher Öffentlichkeit

Die durch Massenmedien verbreitete "Kultur" ist eine Integrationskultur. Die Öffentlichkeit übernimmt Funktionen der Werbung. Je mehr sie als Medium politischer und ökonomischer Beeinflussung eingesetzt werden kann, um so unpolitischer wird sie ganzen und dem Scheine nach privatisiert. Im Maße der Verschränkung des öffentlichen mit dem privaten Bereich wird das Modell der bürgerlichen Öffentlichkeit unanwendbar. Es entsteht nämlich eine repolitisierte Sozialsphäre, die sich weder soziologisch noch juristisch unter Kategorien des Öffentlichen oder Privaten subsumieren läßt. Der liberale Begriff der Gesetzesnorm, an die Exekutive und Justiz gleichermaßen, wenn auch nicht in gleicher Weise gebunden sind, implizierte die Momente der Allgemeineinheit und Wahrheit (Gerechtigkeit = Richtigkeit). "Wahrheit" der Gesetze ist andererseits so lange nur verbürgt, als eine im Parlament zum Staatsorgan erhobene Öffentlichkeit es erlaubt, das im allgemeinen Interesse praktisch Notwendige durch öffentliche Diskussion zu ermitteln. Da die Trennung von Staat und Gesellschaft überwunden wird und der Staat vorsorgend, verteilend und verwaltend in die Gesellschaftsordnung eingreift, läßt sich die Generalität der Norm als Prinzip nicht mehr durchweg halten. Im gleichen Maße, in dem jene wechselseitige Durchdringung von Staat und Gesellschaft eine Privatsphäre auflöst, deren Eigenständigkeit die Generalität der Gesetze ermöglichte, wurde auch der Boden des relativ homogenen Publikums räsonierender Privatleute erschüttert.

Politischer Funktionswandel der Öffentlichkeit

Werbung als Funktion der Öffentlichkeit

Die Umfunktionierung des Prinzips der Öffentlichkeit basiert auf einer Umstrukturierung der Öffentlichkeit als Sphäre, die am Wandel ihrer vorzüglichsten Institution, der Presse, dingfest gemacht werden kann. Der eigentliche Umschwung aus dem System privater Korrespondenzen hin zur eigentlichen Presse begann mit den "gelehrten Zeitungen" auf dem Kontinent, den moralische Wochenschriften und politischen Zeitschriften in England, sobald sich einzelne
Schriftsteller des neuen Instruments der periodischen Presse bedienten, um ihrem in pädagogischer Absicht betriebenen Räsonnement publizistische Wirkung zu verschaffen. In England waren Zeitungen und Zeitschriften häufig "Steckenpferde der Geldaristokratie", auf dem Kontinent entsprangen sie öfter der Initiative einzelner Gelehrter und Schriftsteller. Erst später, nach den Revolutionen und mit der Etablierung des bürgerlichen Rechtsstaates und der Legalisierung einer politisch fungierenden Öffentlichkeit wird die räsonierende Presse vom Gesinnungsdruck entlastet; sie kann jetzt ihre polemische Stellung räumen und die Erwerbschancen eines kommerziellen Betriebs wahrnehmen. Nach und nach wurde diese Umstellung auf eine kommerzielle Basis für alle Herausgeber zur Notwendigkeit. Die technische Entwicklung in den Mitteln des Nachrichtenverkehrs hat die organisatorische Vereinheitlichung und die ökonomische Verflechtung der Presse teils beschleunigt, teils überhaupt erst ermöglicht.
Dem liberalen Modell der Öffentlichkeit zufolge waren die Einrichtungen des räsonierenden Publikums gegenüber Eingriffen der öffentlichen Gewalt dadurch gesichert, dass sie sich in der Hand von Privatleuten befanden. Im Maße ihrer Kommerzialisierung und der ökonomischen, technologischen oder organisatorischen Konzentration sind sie aber während der letzten hundert Jahre zur komplexen gesellschaftlichen Macht geronnen, so dass gerade der Verbleib in privater Hand die kritischen Funktionen der Publizistik vielfach bedrohte.
Eine enge Zusammenarbeit mit der Presse führte vielfach dazu, dass die großen Werbeagenturen Anzeigenraum im Abonnement aufkaufen und so einen wichtigen Teil der Presse überhaupt unter ihre Kontrolle bringen. Heute arbeiten in Deutschland über 2000 Firmen für eine Werbung, deren Methoden sich seit der Weltwirtschaftskrise mit dem jeweiligen Stand der ökonomischen, soziologischen und psychologischen Marktforschung wissenschaftlich perfektionieren.

Werbung beschränkte sich im großen und ganzen auf die Mittel der Anzeige. Die Meinungspflege geht hingegen mit "promotion" und "exploitation" über Reklame hinaus: sie greift in den Prozess der "öffentlichen Meinung" ein, indem sie planmäßig Neuigkeiten schafft oder Aufmerksamkeit erregende Anlässe ausnützt. Public relations verschmelzen Nachricht und Anzeige: die Werbung darf als Selbstdarstellung eines privaten Interesses gar nicht mehr kenntlich sein. Sie verleiht ihrem Objekt die Autorität eines Gegenstandes öffentlichen Interesses, über das sich, wie es den Anschein haben soll, das Publikum der räsonierenden Privatleute frei seine Meinung bildet.

Von einer Refaudalisierung der Öffentlichkeit muss noch in einem anderen, genaueren Sinne die Rede sein. Jene Integration von Massenunterhaltung und Werbung, die in Gestalt der public relations bereits "politischen" Charakter annimmt, unterwirft ihrem Kodex nämlich auch noch den Staat selber. Weil die privaten Unternehmen ihren Kunden bei Verbraucherentscheidungen das Bewußtsein von Staatsbürgern suggerieren, muss der Staat seine Bürger wie Verbraucher "ansprechen". So wirbt auch die öffentliche Gewalt um publicity.

Das umfunktionierte Prinzip der Publizität

Bei einem Soziologentag Ende der zwanziger Jahre wurde "die journalistische Aktivierung" von Ämtern, Parteien und Organisationen in Form von Pressestellen und Pressereferaten einheitlich nachgewiesen. Der Machtzuwachs der Verwaltung im Sozialstaat läßt das Moment ihrer "Verselbstständigung" augenfällig hervortreten, obschon sie auch in der liberalen Ära niemals als reiner Gesetzesvollzug funktionierte.

Die Öffentlichkeit wird mit Aufgaben eines Interessenausgleichs belastet, der sich den klassischen Formen parlamentarischer Einigung und Vereinbarung entzieht; ihm sieht man gleichsam die Herkunft aus der Sphäre des Marktes noch an - er muss buchstäblich "ausgehandelt", durch Druck und Gegendruck auf Abruf erzeugt werden, unmittelbar nur gestützt durch das labile Gleichgewicht einer Machtkonstellation zwischen Staatsapparat und Interessengruppen.
Öffentlichkeitsarbeit ist darauf abgestellt, das Prestige der eigenen Position zu stärken, ohne die Kompromissmaterie selbst zum Thema einer öffentlichen Diskussion zu machen: Organisationen und Funktionäre entfalten Repräsentation. Dabei meint Repräsentation weniger ein Element der inneren Verbandsstruktur, als vor allem "Ausdruck ihres Öffentlichkeitsanspruches".

Schon das Wort "Öffentlichkeitsarbeit" verrät, dass umständlich und von Fall zu Fall eine Öffentlichkeit erst hergestellt werden muss, die einst mit der Position der Repräsentanten gegen und in ihrer Kontinuität durch traditionssichere Symbolik auch gesichert war. Nun wird Politik gemacht und aus der Vorstellung von Max Weber, dass Politik eigentlich ein Nebenberuf sei, ist eine feste Profession geworden. Parteien verstanden sich früher als eine "Formation von Meinungen". Die Sozialisierung der bürgerlichen Gleichheitsrechte veränderte das Gefüge der Parteien. Die Parteien standen vor der Aufgabe mithilfe neuer Methoden die Masse der Staatsbürger zum Zweck der Stimmabgabe zu "integrieren". Es entstand die moderne Propaganda, von Anbeginn, mit dem Janusgesicht der Aufklärung und der Lenkung, der Information und der Reklame, der Pädagogik und der Manipulation. Die Parteien sind Instrumente der Willensbildung geworden, aber nicht in der Hand des Publikums, sondern derer, die den Parteiapparat bestimmen.
Öffentlichkeit verlor mit ihrer kommunalen Basis ihren Ort; sie verlor ihre klare Abgrenzung gegen die Privatsphäre auf der einen, gegen die "Weltöffentlichkeit" auf der anderen Seite; sie verlor ihre Durchsichtigkeit und Überschaubarkeit.

Zur Idee des Parlamentarismus gehörte von Anbeginn die Ablehnung des imperativen Mandates oder um es mit den Worten eines Unterhausabgeordneten von 1745 zu zitieren:


Das Parlament selbst hat sich dementsprechend aus einer disputierenden Körperschaft entwickelt; denn die parlamentarische Bestätigung der hinter verschlossenen Türen ausgehandelten Beschlüsse genügt nicht nur einer formellen Vorschrift; sie dient der Demonstration des Parteiwillens nach aussen. Auch heute verpflichtet die Verfassung des Sozialstaates als einer Massendemokratie die Tätigkeit der Staatsorgane zur Öffentlichkeit, damit ein permanenter Prozess der Meinungs- und Willensbildung wenigstens als freiheitverbürgendes Korrektiv an der Macht- und Herrschaftsausübung wirksam werden kann.

Die von gesellschaftlichen Organisationen beschlagnahmte, unter dem Druck kolllektiver Privatinteressen vermachtete Öffentlichkeit kann über eine Mitwirkung an politischen Kompromissen hinaus Funktionen der politischen Kritik und Kontrolle nur in dem Maße ausüben, indem sie selbst Bedingungen der Publizität rücksichtslos unterworfen ist, nämlich Öffentlichkeit im strengen Sinne wiederum wird.

Hergestellte Öffentlichkeit und nicht-öffentliche Meinung: das Wahlverhalten der Bevölkerung

Das Verhältnis der Leistungsempfänger zum Staat ist nicht in erster Linie politische Beteiligung, sondern eine allgemeine Forderungshaltung, die Versorgung erwartet, ohne eigentlich Entscheidungen durchsetzen zu wollen. Die Berührung mit dem Staat vollzieht sich wesentlich im Raum und Vorraum der Verwaltung; sie ist unpolitisch und von einer "anspruchsvollen Gleichgültigkeit".

Politische Diskussionen der Wählergemeinschaft beschränken sich meistens auf sogenannte Ingroups, auf Familie, Verwandtschaft, Freundeskreis und Nachbarschaft. Zum Wählerstamm der einen oder anderen Partei gehören zwei sehr verschiedene Gruppen. Auf der einen Seite steht die kleine Minorität der noch mit einem gewissen Recht "aktiv" zu nennenden Bürger, seien es Mitglieder der Parteien oder anderer gesellschaftlicher Organisationen, seien es die nicht-organisierten, aber gut unterrichteten und stark beteiligten, meist auch opinion leader einflußreichen Wähler. Ihnen steht auf der anderen Seite die in ihren Entscheidungen ebenso festgelegte Majorität der Bürger gegenüber, über die der Flugsand tagespolitischer Kontroversen, wie es scheint spurlos hinwegstreift. Diese Fixierung entsteht teils aus der berechtigten, aber stereotyp eingeschliffenen Wahrnehmung von Gruppeninteressen, teils aus einer Schicht kultureller Selbstverständlichkeiten, aus tief eingewurzelten Haltungen und Vorurteilen historisch meist weit zurückliegender, über Generationen vermittelter Erfahrungen. Dabei fügt sich die wahlperiodische Neuinszenierung einer politischen Öffentkichkeit der Gestalt ein, die sich als Zerfallsform der bürgerlichen Öffentlichkeit vorfindet.

Die Desintegration der Wählerschaft als Publikum wird daran deutlich, dass Presse und Rundfunk, "in der üblichen Weise gehandhabt", so gut wie wirkungslos bleiben; im Rahmen der hergestellten Öffentlichkeit taugen die Massenmedien nur als Werbeträger. Die Parteien wenden sich unmittelbar ans "Volk", faktisch an jene Minderheit, für deren Bewusstseinsstand die Demoskopen einen durchschnittlichen Wortschatz von 500 Vokabeln ermittelt haben.

Die politische Öffentlichkeit im Prozess der sozialstaatlichen Transformation des liberalen Rechtsstaates

In den ersten modernen Verfassungen sind die Abteilungen des Grundrechtskatalogs ein Abbild des liberalen Modells bürgerlicher Öffentlichkeit: sie garantieren die Gesellschaft als Sphäre privater Autonomie; ih rgegenüber eine auf wenige Funktionen limitierte öffentliche Gewalt; und gleichsam zwischen beiden den Bereich der zum Publikum versammelten Privatleute, die als Staatsbürger den Staat mit Bedürfnissen der bürgerlichen Gesellschaft vermitteln, um so, der Idee nach, im Medium dieser Öffentlichkeit, politische Autorität dieser Art bemessen sollte, schien unter den Voraussetzungen einer Gesellschaft des freien Warenverkehrs dann garantiert, wenn der Verkehr der Privatleute auf dem Markt und in der Öffentlichkeit von Herrschaft emanzipiert war.
Der soziale Rechtsstaat ist vom liberalen nicht dadurch unterschieden, "dass eine staatliche Verfassung mit dem rechtsverbindlichen Anspurch hervortritt, auch die Verfassung gesellschaftlicher Organisationen auf bestimmte Grundprinzipien festzulegen", vielmehr verhält es sich umgekehrt so, dass der Sozialstaat gerade in Fortsetzung der Rechtstradition des liberalen Staates zur Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse genötigt ist, denn auch dieser wollte eine Gesamtrechtsordnung von Staat und Gesellschaft zumal sichern. Der "sozialpflichtige" Staat hat darüber zu wachen, dass sich der zustande kommende Interessenausgleich im Rahmen des allgemeinen Interesses hält. In den übrigen westlichen Demokratien gelten teilweise ähnliche Grundsätze; und wo sie nicht verfassungsrechtlich fixiert sind, gelten sie inzwischen als eine Art politische Konvention.
Nur durch soziale Grundsätze kann die politische Ordnung jener einst in den Institutionen des bürgerlichen Rechtsstaats investierten Idee der politisch fungierenden Öffentlichkeit auch heute, unter Bedingungen einer selbst strukturell gewandelten Öffentlichkeit, verpflichtet bleiben.

Die freie Meinungsäußerung durch die Presse kann nicht mehr als Teil der überkommenen Meinungsäußerung der Individuen als Privatleute betrachtet werden. Denn allen übrigen Privatleuten wird erst durch die Gestaltungsgarantie des Staates ein chancengleicher Zugang zur Öffentlichkeit gewährt; eine bloße Enthaltsamkeitsgarantie des Staates reicht dafür nicht mehr aus.

Auch der Sozialstaat bleibt prinzipiell Steuerstaat. Er beruht, wie der liberale Saat, auf der spezifischen Grundlage einer Abgrenzung der Steuerhoheit vom grundrechtlich gewährten Schutz des Eigentums.
In der politischen Öffentlichkeit führt die Konkurrenz von Wirtschaftsverbänden im engeren Sinne, Massenorganisationen, die einen sozialrechtlich gesicherten Privatstatus haben und ihre Interessen in der Öffentlichkeit kollektiv vertreten, politisch wirksamen Repräsentanten der kulturellen und religiösen Kräfte gegenüber dem "Neomerkantilismus" einer interventionistischen Verwaltung insofern zu einer "Refeudalisierung" der Gesellschaft, als mit der Verschränkung von öffentlichem und privatem Bereich nicht nur politische Instanzen gewisse Funktionen in der Sphäre des Warenverkehrs und der gesellschaftlichen Arbeit, sondern auch umgekehrt gesellschaftliche Mächte politische Funktionen übernommen werden.

Die politische Öffentlichkeit des Sozialstaates ist durch zwei konkurrierende Tendenzen geprägt. Als Zerfallsgestalt bürgerlicher Öffentlichkeit gibt sie einer, von Organisationen über die Köpfe des mediatisierten Publikums entfalteten, demonstrativen und manipulativen Publizität Raum. Andererseits hält der Sozialstaat, soweit er die Kontinuität mit dem liberalen Rechtsstaat wahrt, am Gebot einer politisch fungierenden Öffenltichkeit fest, demzufolge das von Organisationen mediasierte Publikum, durch diese selbst hindurch, einen kritischen Prozess öffentlicher Kommunikation im Ganzen setzen soll.

Die unter den Bedingungen des Sozialstaates fungierende Öffentlichkeit hat sich als einen Prozess der Selbsterzeugung (Autopoiesis) zu begreifen.

Zum Begriff der öffentlichen Meinung

Öffentliche Meinung als staatsrechtliche Fiktion - und die sozialpsychologische Auflösung des Begriffes

Die kritische und die manipulative Funktion der Publizität sind grundverschieden. Sie stehen in gegenläufigen gesellschaftlichen Wirkungszusammenhängen. Mit beiden Gestalten ist auch je eine andere Verhaltenserwartung für das Publikum gesetzt. die eine ist, um an die bereits eingeführte Unterscheidung zu knüpfen, auf öffentliche, die andere auf nicht-öffentliche Meinung abgestellt.

Es bieten sich grundsätzlich zwei Wege, den Begriff der öffentlichen Meinung zu definieren:

aus der Position des Liberalismus: will ein räsonierendes Publikum in der Mitte durch die Kommunikation eines internen Kreises öffentlichkeitsfähiger und meinungsbildender Repräsentanten inmitten einer desintegrierten Öffentlickeit retten

    völlig absieht von materialen Kriterien wie Rationalität und Repräsentanz und sich auf institutionelle Kriterien beschränkt.

Die staatsrechtliche Fiktion der öffentlichen Meinung ist im realen erhalten des Publikums selbst nicht mehr zu identifizieren; aber auch die Zurechnung zu bestimmten politischen Einrichtungen nimmt ihr, wenn sie von der Ebene des Publikumsverhaltens überhaupt abstrahiert, nicht den fiktiven Charakter. Damit ist der normative Bann, den die Staatstheorie über den Begriff verhängt hatte, gebrochen - öffentliche Meinung wird zum Gegenstand sozialpsychologischer Forschung. Öffentliche Meinung gilt als Produkt eines Kommunikationsprozesses innerhalb von Massen, der weder an Prinzipien öffentlicher Diskussion gebunden noch auf politische Herrschaft bezogen ist.

Public opinion wurde zum Titel einer sozialpsychologischen Analyse von Gruppenprozessen, die ihren Gegenstand folgendermaßen bestimmt:

Ein soziologischer Versuch der Erklärung

Ein historisch sinnvoller, normativ den Ansprüchen sozialstaatlicher Verfassung genügender, theoretisch klarer und empirisch einlösbarer Begriff der öffentlichen Meinung ist nur aus dem Strukturwandel der Öffentlichkeit selber, und aus der Dimension ihrer Entwicklung zu gewinnen. Aus der Dimension der staatlich-gesellschaftlichen Entwicklung sind demnach die Kriterien zu entwickeln, an denen Meinungen nach dem Grad ihrer Öffentlichkeit empirisch gemessen werden können; ja, eine solche empirische Feststellung der öffentlichen Meinung im komparativen Sinne ist heute das zuverlässigste Mittel, um zu gesicherten und vergleichbaren Aussagen über den demokratischen Integrationswert eines tatsächlichen Verfassungszustandes zu gelangen. Im Modell lassen sich zwei politisch relevante Kommunikationsbereiche gegenüberstellen: auf der einen Seite das System der informellen, persönlichen, nicht-öffentlichen Meinungen, auf der anderen das der formellen, instituionell autorisierten Meinungen.
Dem Kommunikationsbereich der nicht-öffentlichen Meinungen steht die Zirkulationsspäre einer quasi-öffentlichen Meinung gegenüber. Dabei handelt es sich in erster Linie um Meinungen, die in einem verhältnismäßigen engen Kreislauf über die Masse der Bevölkerung hinweg zwischen der großen politischen Presse, der räsonierenden Publizistik überhaupt, und den beratenden, beeinflussenden, beschließenden Organen mit politischen oder politisch relevanten Kompetenzen zirkulieren.

Da es öffentliche Meinung als solche nicht "gibt", allenfalls Tendenzen isoliert werden können, die unter den gegebenen Verhältnissen auf die Ausbildung einer öffentlichen Meinung hinwirken, läßt sie sich nur komparativ definieren.