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Wie funktioniert freier Unterricht, Herr Peschel?

Ein Interview geführt von Fabienne Melzer in der SZ#154 vom 8. Juli 2003

Melzer: Schule ohne Lehrbücher, Unterricht ohne Aufgaben und Stundenpläne - vier Jahre lang unterrichtete Falko Peschel eine Grundschulklasse im Rhein-Sieg-Kreis nach einer radikal freien Methode. Mit Erfog: In Tests schnitten seine Schüler regelmäßig besser ab als andere Gruppen. Zwei Drittel der Peschel-Klasse wechselte nach der Grundschule aufs Gymnasium, darunter auch Kinder, die schon auf dem Weg in die Sonderschule waren. Was haben Sie anders gemacht, Herr Peschel?

Peschel: Ich habe nichts vorgegeben. Klassischer Unterricht lehrt immer vom Wissenden aus. Der Lehrer stellt Fragen, deren Antwort er schon kennt. Die Schüler bekommen keine Antworten auf Fragen, die sie selbst beschäftigen. Sie wollen schreiben und alles, was sie machen, sind Schwungübungen. Alle zwei Wochen malen sie einen neuen Buchstaben und sie lesen unsinnige Texte wie "Umi ruft Omi." Ich lerne aber nur dann etwas, wenn es für mich bedeutsam ist. Alles andere pauke ich für den nächsten Test und habe es bald danach wieder vergessen. Meine Klasse hat selbst bestimmt, was sie schreibt, liest oder rechnet.

Melzer: Wie funktionierte das konkret?

Peschel: Die Kinder kamen jeden Morgen im Kreis zusammen, und eines fragte die anderen: "Was willst du heute machen?" Anschließend gingen alle an ihre Arbeit. Am Ende des Vormittags stellten sie ihre Arbeit den anderen vor und bewerteten sich gegenseitig. Als Arbeitsmaterial gab es nur weiße Blätter, Sach- und Geschichtenbücher und Werkzeuge wie eine Buchstabentabelle. Damit konnten die Schüler sich Worte selbst zusammensuchen.

Melzer: Lernen wollen und sich selbst Aufgaben stellen, ist aber doch ein Unterschied. In der Mathematik etwa gibt es Aufgaben, auf die man nicht selber kommt, schon gar nicht als Schüler.

Peschel: Eine Aufgabe, auf die man nicht selbst kommt, sollte man auch nicht rechnen. Das ist ja das Problem vieler Aufgaben: Sie gehen an der Realität der Kinder vorbei. Wenn Kinder zum Beispiel Statistiken interpretieren sollen, muss das nicht anhand von grünen und gelben Kugeln gelehrt werden. Warum können sie nicht die Zahl der verschiedenen Pokemon-Karten in der Klasse zählen und so Statistiken erarbeiten?

Melzer: Sind bei diesem Unterricht Kinder aus höheren sozialen Schichten nicht im Vorteil, weil sie zu Hause auf mehr Wissen zurückgreifen können?

Peschel: Nein, ich hatte in meiner Klasse Kinder aus allen sozialen Schichten. Ich denke, dass wirklich freier Unterricht gerade für Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern eine Chance ist. Es muss natürlich eine anregende Umgebung geben, in der das Lernen hochgehalten wird. Vor allem aber ist wichtig, den Blick auf die Kinder zu richten und nicht irgendwelche Bücher durchzuarbeiten.

Melzer: Viele Lehrer beklagen, dass sie immer mehr erziehen müssen und immer weniger unterrichten können. Wie war das in Ihrer Klasse?

Peschel: Ich habe zu 95 Prozent Erziehungsarbeit gemacht. Aber das ist auch meine Aufgabe als Lehrer. Wie soll ich mit den Kindern lernen, wenn mich ihre Probleme nicht interessieren?!

Melzer: Welches Fazit ziehen Sie nach den vier Jahren?

Melzer: Zumindest ein Grundsatz gilt nicht mehr: Dass Kinder nur lernen, wenn ihnen etwas vorgegeben wird.

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Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutsche Zeitung und der DIZ München GmbH

WEISHEIT DER WOCHE

* Wenn Gott gewollt hätte, dass wir nicht zum Denken geboren worden wären, dann hätte er uns ein Wasserauffangbecken als Kopf mitgegeben. Damit hätte er auf jeden Fall die Trinkwasserversorgung sicherstellen können.

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