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Erich Fromm "Die Pathologie der Normalität – Zur Wissenschaft vom Menschen"

(4. Vorlesung) S. 82 – 88

  1. Entfremdung des Denkens und der Wissenschaft

  1. Ich habe in der letzten Vorlesung über die Entfremdung des Menschen von sich selbst, von anderen Menschen und von Dingen gesprochen und über den Zusammenhang zwischen diesem Entfremdungsprozeß und dem Prozeß der Abstraktion, also jener Einstellung, die für unsere moderne kapitalistische Industriekultur typisch ist. Wir nehmen Dinge, andere Menschen und uns selbst nicht in ihrer konkreten Erscheinung, nicht in ihrem Gebrauchswert, sondern in ihrer abstrakten Form wahr, die entweder in Geld oder in Worten besteht. Wir beziehen uns lieber auf diese Abstraktionen als auf das, was real und konkret ist.
  2. Ich möchte nun einen Schritt weitergehen und auf andere Faktoren zu sprechen kommen, die von diesem Prozeß der Entfremdung beeinflußt werden. Wie wirkt sich der entfremdende Prozeß der Abstraktion auf unser Denken aus? Der Vergleich mit den Auswirkungen, die dieser Prozeß auf unsere Gefühle hat, liegt nahe. Ich sprach davon, dass wir statt zu fühlen sentimental werden, und ich definierte das Sentimentale als ein Fühlen unter der Voraussetzung der Unbezogenheit, bei dem das Fühlen überfließt, aber leer ist, weil es zwar ein Befürfnis zu fühlen gibt, aber nichts, auf das sich das Fühlen bezieht. Etwas Ähnliches geschieht mit unserer Vernunft bzw. mit unseren Denkprozessen, wenn wir nicht wirklich auf das bezogen sind, was wir denken. Um es etwas anders zu formulieren: Wenn wir nicht von der Wirklichkeit, über die wir nachdenken, betroffen sind und kein echtes Interesse an ihr haben, dann bleibt von unseren Denkvorgängen nur Intelligenz übrig. Unter Intelligenz aber verstehe ich die Fähigkeit, mit Begriffen umzugehen, ohne durch die Oberfläche zum Wesen der Dinge durchzustoßen. Intelligenz will Wirklichkeit lieber gebrauchen und verzwecken, als sie verstehen. Die Fähigkeit zu verstehen, die Vernunft (reason), ist der Gegenbegriff zu manipulativer Intelligenz (intelligence). Vernunft setzt immer voraus, dass wir auf das, worüber wir nachdenken, bezogen sind. Sind wir nicht bezogen, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit der Wirklichkeit manipulativ umzugehen. Wir können dann wiegen und zählen und berechnen und Faktoren vergleichen. Für diese Art von Intelligenz ist, wie ich aufgezeigt habe, genau die gleiche Art von Abstraktion typisch, die für unsere Gefühle und Empfindungen charakteristisch ist.

  1. Vernunft mag manchmal wie ein Luxus erscheinen, und doch kann das Leben eines einzelnen und das Leben der Menschheit von der Fähigkeit abhängen, ob die Vernunft gebraucht und zur Tiefe des Problems vorgestoßen wird, oder ob nur mit Hilfe eines rein intellektuellen, oberflächlichen Denkprozesses, der nie in etwas eindringt und deshalb auch nie etwas ändern kann, mit der Wirklichkeit umgegangen wird.
  2. Das Problem von Vernunft und Intelligenz ist für mich mit unserem Wissenschaftsverständnis verquickt. Die wissenschaftliche Einstellung ist gewiß eine der größten Errungenschaften der letzten fünfhundert Jahre. Sie bedeutet eine Haltung der Objektivität. Sie war eine menschliche Einstellung, bei der es um Bescheidenheit ging und um die Stärke, die Welt objektiv zu betrachten, das heißt, sie so zu sehen, wie sie ist, und nicht einstellt durch unsere eigenen Wünsche, Ängste und Vorstellungen. Man mußte den Mut haben, zu sehen und zu überprüfen, ob die gefundenen Daten unsere Vorstellung bestätigten doer widerlegten, und man mußte den Mut haben, eine Theorie zu ändern, wenn die Ergebnisse die Theorie nicht bewiesen. Das war das Wesen wissenschaftlichen Denkens. Es hat tatsächlich mit der Fähigkeit zu tun, sich von etwas überraschen zu lassen und sich zu wundern. Die meisten großen wissenschaftlichen Entdeckungen haben ihren Ausgang von einem Punkt genonmmen, an dem ein einzelner das als nicht mehr gegeben ansah, was für alle bisher unzweifelhaft war. An einem Punkt war er erstaunt, war er überrascht – und dies ist die wissenschaftliche Entdeckung. Der sich daran anschließende Prozeß ist sekundär. Er forscht, überprüft, testet und macht alle möglichen Dinge, doch der wirkliche Geist der Entdeckung ist nicht in all der sich anschließenden sogenannten wissenschaftlichen Forschung. Die tatsächliche Quelle der wissenschaftlichen Entdeckung war jener Augenblick, indem er fähig war, sich über etwas zu wundern, worüber sich bisher noch nie jemand gewundert hatte.
  3. Was heute unter Wissenschaft verstanden wird, mutet seltsam an. In der Physik, die heute wohl als die fortgeschrittenste Wissenschaft angesehen werden kann, gibt es noch die alte wissenschaftliche Einstellung, bei der man sich sehr anstrengt, viel forscht, denkt und eine große Ungewißheit herrscht. Im Gegensatz dazu soll für den Durchschnittsbürger, aber auch für die meisten Wissenschaftler in den Sozialwissenschaften Wissenschaft heute das leisten, was die Religion vor ein paar hundert Jahren geleistet hat: vollständige Gewißheit ermöglichen. Diese Menschen halten keine Ungewißheit aus. Für sie ist die Wissenschaft zur neuen Religion geworden, eine neue Gewißheit über die Tatsachen des Lebens, die ihnen jenes Sicherheitsgefühl gibt, das in früheren Zeiten die Religion gegeben hatte.
  4. Der Durchschnittsmensch von heute ist zu einem Konsumenten von Wissenschaft geworden. Er erwartet, dass Wissenschaft alles weiß, so dass die Lektüre der Zeitung für ihn die gleiche Funktion hat wie früher der Gang zur Kirche. Die Priester sind die Spezialisten für die Beziehung zu Gott. Manchen reicht das Wissen bereits aus, dass es sie gibt und dass man sie von Zeit zu Zeit sieht. Ich glaube, in der gegenwärtigen Einstellung zur Wissenschaft läßt sich etwas Ähnliches finden. Man glaubt, die Wissenschaftler seien die Hohenpriester der Wissenschaft, die eine totale Gewißheit über die Welt haben. Solange sie an den Universitäten lehren und die Zeitungen über sie schreiben, ist alles in bester Ordnung, denn da gibt es wenigstens jemanden, der Gewißheit und Überzeugung verbreitet und einem ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.
  5. Was der Laie wie der Sozialwissenschaftler eigentlich unter Wissenschaft verstehen, hat im Kern nur mit der manipulativen Intelligenz zu tun. Wissenschaftlich ist es zum Beispiel, wenn man ein psychologisches Problem in abstrakten Größen ausdrücken kann., wenn man es also zählen und messen (messen heißt vergleichen, Anm. des Dozenten) kann, und zwar selbst dann, wenn die zugrunde liegenden Daten weder sinn- noch bedeutungsvoll sind. Um ein Beispiel aus der Psychologie zu geben: Kürzlich las ich einen Artikel, der über die Erforschung der Einstellung von Müttern zu ihren Kindern berichtete. Die Mutter wurde mit ihrem neugeborenen Kind beobachte, wenn dieses ihr in der ersten Woche nach der Geburt gebracht wurde. Drei Psychologen utnersuchten, was dabei vor sich geht. Die hauptsächlichen Ergebnisse lauteten, dass die Mutter lächelt oder den Kopf des Kindes berührt. Diese Reaktionen wurden als Symptome für eine liebende Einstellung genommen.
  6. Dann gab es einen auf diese Beobachtungen aufbauenden hochentwickelten statistischen Apparat, der auch eine Fehlerrate usw. einbezog, in den alle Daten eingebracht wurden: wie groß der Prozentsatz der verschieden Typen von Müttern sich auf jede Gruppe verteilte und so weiter und so fort. Allerdings waren die Ausgangsdaten völlig unwissenschaftlich, denn es heißt eigentlich gar nichts, wenn behauptet wird, dass die Mutter lächelt. Es kommt doch alles darauf an, wie sie lächelt. Sie kann liebevoll, verbittert oder gleichgültig lächeln. Sie kann dem Kind aus purer Langeweile, ärgerlich oder sonstwie den Kopf berühren. In Wirklichkeit wird hier keine wissenschaftliche psychologische Methode gebraucht, weil hier nicht im Detail beschrieben und untersucht wird, was in dieser ganz besonderen und konkreten Situation vor sich geht. Vielmehr wird nur oberflächlich das Verhalten beobachtet und dann der Eindruck von Wissenschaftlichkeit hervorgerufen, indem man diese unwissenschaftlichen Daten mit einer angeblich wissenschaftlichen – weil mit Zahlen operierenden – Methode aufbereitet.
  7. Kein Physiker und kein Chemiker könnte sich dies erlauben. Er könnte es sich nicht einmal in seinem zweiten College-Jahr erlauben, weil es eine unüberlegte Methode ist, die nur Wissenschaftlichkeit vorspiegelt. Es scheint aber eine Art Gentleman’s Agreement unter den Sozialwissenschaftlern zu geben, dass die Ergebnisse bereits auf Grund der Tatsache, dass sie mit Zahlen und mithilfe von statistischen Methoden zustande gekommen sind, als wissenschaftlich gelten.

  1. Entfremdung in der Liebe

  1. Was geschieht in der beschriebenen Situation von Selbstentfremdung und Unbezogenheit mit der Liebe? Es läßt sich beobachten, dass es vor allem zwei Auffassungen von Liebe gibt. Entweder wird Liebe mit Sexualität identifiziert, und es geht darum (wie die vielen einschlägigen Bücher zeigen), sexuelle Techniken kennenzulernen, mit denen sich die Liebe in der Ehe steigern läßt; oder Liebe wird zu einer ziemlich sexlosen, unerotischen Angelegenheit, bei der zwei Menschen gut miteinander auskommen; trifft es sich, dass es sich bei diesen zweien um einen Mann und eine Frau handelt, dann heiratet man und nennt dies Liebe. Es ist höchstens eine nette Kameradschaft, doch fehlt ihr der zündende Spannungsbogen und jede Art von brennendem Verlangen, das in früheren Zeiten mit der Vorstellung von Liebe verbunden war.
  2. Wo es keine Bezogenheit gibt, wird Liebe entweder als identisch mit Sex erlebt oder wird für eine Form des guten Miteinanders gehalten und mit einer gut funktionierenden wohltuenden Kameradschaft identifiziert; dieser aber mangelt es unter den gegebenen Umständen an Zärtlichkeit. In Hollywood-Filmen sucht man meist vergeblich nach Ausdrucksformen von Zärtlichkeiten, die es in französischen Filmen noch gibt und von denen die Filme Charly Chaplins voll sind. Zärtlichkeit ist mehr als Sex und mehr als ein angenehmes Miteinander-Auskommen. Zärtlichkeit ist der Ausdruck einer liebenden Bezogenheit auf einen anderen Menschen, und zwar nicht nur auf einen einzelnen anderen Menschen, sondern auch auf den Menschen als solchen.
  3. Es ist ganz logisch und selbstverständlich, dass es in einer Kultur wie der unseren so gut wie kein Erleben von Zärtlichkeit mehr gibt. Ich fürchte sogar, dass viele Menschen dies fühlen und eine Art Beschämung spüren, weil Zärtlichsein nicht schicklich zu sein scheint. Sie haben Angst, als weichlich, kindisch oder babyhaft zu gelten und nicht dem Bild des leidenschaftlichen Mannes oder der leidenschaftlichen Frau zu entsprechen, wenn sie Zärtlichkeit zeigen.
  4. Es wurde in den vergangenen Jahren viel darüber diskutiert, wie verderbt wir sind. Vor allem Reinhold Niebuhr hat die Verderbtheit des Menschen unterstrichen und wie wichtig es sei, sich der Destruktivität und Verderbtheit des Menschen als Teil seiner Natur gewahr zu sein. Ich habe hier nicht vor, mich mit dem theoretischen und analytischen Behauptungen von Reinhold Niebuhr zu befassen. Für mich besteht unser Problem, zumindest in unserer heutigen Kultur, nicht so sehr darin, dass die Menschen so verderbt und destruktiv sind. Was wir im Blick auf die Vereinigten Staaten insgesamt beobachten können, ist ein bemerkenswertes Fehlen von Destruktivität und Verderbtheit. Die meisten Menschen verhalten sich tatsächlich ziemlich freundlich und wohlwollend und keinesfalls destruktiv.
  5. Das Problem ist meiner Meinung nach etwas anderes, nämlich unsere Gleichgültigkeit, unser Mangel an Interessiertheit und Betroffenheit, unser Unwille, sich zwischen Leben und Tod zu entscheiden, unser Dahinleben, ohne zu wissen, wofür dies alles gut sein soll, unsere Gleichgültigkeit uns selbst und der Zukunft gegenüber. Dies alles ist ein viel größeres Problem, und vielleicht wollen wir uns mit dem Gedanken etwas Gutes antun, dass wir solche Teufel seien, so destruktiv und verderbt, wie Reinhold Niebuhr glaubt. Das wäre wenigstens etwas, auch wenn es in gewissem Sinne schlimmer wäre. Wir sind nur gleichgültg und desinteressiert, doch ich fürchte, dass dies auf bestimmte Weise viel gefährlicher ist als die Verderbtheit. Zumindest birgt die Betonung der Verderbtheit des Menschen gewisse Gefahren in sich, weil sie die Aufmerksamkeit von unseren wirklichen Problemen abzuziehen scheint. Dieses aber ist unsere Gleichgültigkeit.

S. 75 - 77

  1. Das Bezogensein auf die Welt als Ausdruck psychischer Gesundheit

  1. Jegliche Abstraktion und Entfremdung von der Konkretheit eigener Erfahrung hat weitreichende Konsequenzen für die psychische Gesundheit. Dies wird deutlich, wenn wir uns fragen, welches die Quelle der Energie ist, aus der wir leben. Man kann sagen, dass eine Energiequelle rein physischer Natur ist. Sie wurzelt in der Chemie unseres Körpers. Von dieser Energiequelle wissen wir, dass sie etwa ab dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr langsam wieder abnimmt. Aber es gibt noch eine andere Energie. Diese entspringt unserem Bezogensein auf die Welt, unserem Interessiertsein. Man kann sie manchmal wahrnehmen, etwa, wenn man mit jemandem, den man liebt, zusammen ist, oder wenn man etwas ganz Interessantes, Aufregendes liest. Man wird dann nicht müde. Man spürt eine Energie aufkommen, die nicht erwartet wurde. Man spürt ein tiefes Gefühl von Freude. Bei achtzigjährigen Menschen, die ein Leben intensiver Bezogenheit, Liebe, Betroffenheit, Interessiertheit gelebt haben, kann man die tatsächlich überraschende und überwältigende Beobachtung machen, dass diese Menschen ganz frisch und voller Energie sind, ohne dass diese Frische und Energie etwas mit ihrer Körperchemie und den Quellen zu tun hätte, die ihnen ihr Körper zur Verfügung stellt.
  2. Freude, Energie, Glück – sie alle hängen vom Grad unserer Bezogenheit und Interessiertheit ab, das heißt, sie hängen in erster Linie davon ab, inwieweit wir mit der Realität unserer Gefühle und mit der Realität anderer Menschen in Berührung sind und diese nicht als Abstraktionen wie Waren auf dem Markt wahrnehmen. Zweitens erleben wir in diesem Prozeß des Bezogenseins uns selbst als eigenständige Größe, als ein Ich, dass auf die Welt bezogen ist. Ich werde eins mit der Welt in meinem Bezogensein auf sie und zugleich nehme ich mich als ein Selbst, als eine Individualität, als etwas Einzigartiges wahr, weil ich bei diesem Prozeß des Bezogenseins gleichzeitig das Subjekt dieses Tätigseins, dieses Prozesses, dieses Mich-Beziehens bin. Ich bin ich und ich bin der andere Mensch. Ich werde mit dem Objekt meines Interesses eins, doch nehme ich mich bei diesem Prozeß selbst auch als Subjekt wahr.
  3. Ein Tätigsein kann den Zweck haben, Langeweile zu meiden, oder es kann aus einer Bezogenheit auf und aus Interessiertheit an etwas resultieren. Der Unterschied läßt sich beobachten und spüren. Wenn jemand zum Beispiel einen Abend mit Freunden verbracht hat und sich den ganzen Abend unterhalten hat, dann kann er sich danach glücklich, belebt, vergnügt und gut fühlen, oder er spürt eine gewiße Müdigkeit und Langeweile, oder er ist ein bisschen enttäuscht und niedergedrückt. Er hat ein Gefühl wie: "Nun gut, Gott sei Dank, dass ich jetzt zu Bett gehen kann." Wer sich trotz der späten Stunde nicht müde, sondern belebt und glücklich fühlt, der weiß, dass das, was er getan hat, nicht dazu diente Langeweile zu vermeiden.

  1. Entfremdung und Langeweile als Ausdruck psychischer Krankheit

  1. In einer Kultur, in der wir uns von uns selbst und von den anderen entfremden und in der unsere eigenen menschlichen Gefühle zu Abstraktionen werden und aufhören, konkret zu sein, wird es uns furchtbar langweilig und werden wir energielos. Das Leben hört auf, im wahren Sinne belebend zu sein. Langeweile ist meiner Meinung nach eines der größten Übel, die den Menschen befallen können. Es gibt nur wenige Dinge, die in gleicher Weise quälend und unerträglich sind wie die Langeweile.
Mitreden in: Philosophie

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