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Verhaltenslehre

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Konrad Lorenz - Begründer der Verhaltenslehre

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KP - Keinen Plan vom episodischen Gedächtnis...

oder sind Tiere tatsächlich planlos umherstreifende Wesen auf Erden?

Wir sind - sofern überhaupt - die besseren Tiere, da wir ja als Menschen planen können, auch wenn wir uns mit unseren Gefühlen manchmal mehr wie Tiere benehmen (zumindest betiteln wir uns gegenseitig zu gegebenen Anlässen so) und nur noch die wenigen Urängste am eigenen Leibe bleiben dürften, müsste alles andere uns keine Angst mehr machen dürfen, da wir ja planen können; diese Ängste dann lediglich Wahnvorstellungen sind, spätestens seit dem wir uns selber überholen und schneller sind als wir eigentlich laufen können.

Konditionell gesehen sind wir doch die schlechteren Tiere mit unseren verwöhnten Beisswerkzeugen (Messer, Gabel, Löffel, die Dritten), unserem holprigen Laufwerk, dessen Schnelligkeit höchstens eine Rolle spielt, den Bus oder eine Sitzung in dringender Örtlichkeit nicht zu verpassen, eine Nase, die nur noch zwischen angenehm und unangenehm unterscheidet. Und sonst? Seit dem die Überwindung von Distanzen für uns kein Problem mehr darstellen, um zu planen und zu koordinieren.

Seitdem sind neue Menschheitsängste und Neubegierden mit ins Spiel gekommen. Und etwas abstrakter und entfernter als die Urängste geht ja um die Frage, ob Tiere planen können. Bislang hielt sich der Mensch für das einzige planende Wesen auf dem Planeten Erde. Der Mensch glaubte Tiere können nicht planen und dass wenn sie satt sind, sind sie satt und Basta. Neueste Beobachtungen an Affen, aber auch an Vögeln, brachten andere Erkenntnisse. Tiere planen sehr wohl.

Affen sichern sich Werkzeuge, um sie in Folge für die Zukunft einzusetzen und zu nutzen. Da ist sich Josep Call vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sicher.

Denn Josep Call und sein Kollege Nicholas Mulcahy berichten in Zusammenhang mit einem Artikel aus dem internationalen Biologie-Fachmagazin Current Biology (laufende Biologie), dass sich auch Affen, wie die Bonobos und Orang-Utans um ihre Zukunft sorgen und aushecken, wie sie in Zukunft zu handeln gedenken. Natürlich musste erst einmal ein Anreiz her. Soviel liegt auf der Hand und darum trugen Josep und Nicholas den Affen einen Kasten, in dem Weintrauben hingen in Gehege. An die Weintrauben konnten die Affen nicht durch Klettern oder Springen heran und brauchten dazu Dinge, die dem Tier mangels Hände oft schon nicht gut in der Hand legen. Kurzum: die Affen brauchten passendes Werkzeug, um an ihre Beute zu gelangen.

Die ausgebufften beiden Forscher stellten den Tieren Werkzeug zur Verfügung. Allerdings nicht ganz ohne Vorbehalte und Hintergedanken. Sie legten acht Werkzeuge auf einen Tisch aus und paarten nur zwei von diesen Tools als die eigentlich wahren Helfer, um an das Hängobst zu gelangen.

Der eigentliche Trick bestand darin, dass sie die Versuchstiere cheaten, wie man auf neudeutsch wohl sagen möge - oder kurzum folgendermaßen an der Nase herumzuführen versuchten: Die Bonobos und die Orang-Utans hatten Zeit sich ein passendes Instrument zu suchen und als sie es hatten, haben die Pfleger einfach wieder die Kiste mit dem unerreichbaren Obst aus dem Gehege geholt und erst nach 14 Stunden wieder zurückgebracht.

In dieser Zeit wurden die Affen von den Forschern penible beobachtet. Und sie mussten mit ansehen, wie die Affen das passende Werkzeug immer und überall mit hinschleppten und sind sogar mit den passenden Instrumenten schlafen gegangen und hatten es am nächsten Morgen mit dabei als die Obstkiste wieder hineingeschleppt wurde. Das lehrt und beweist uns genauso wie das Anfangsexperiment an dem dieses hier beschriebene angelehnt ist.

Die Rede ist vom Schimpansen Santino, der seine Schlagzeilen im Current Biology Fachmagazin gemacht hat, weil er vom Primatologen der Lund-Universität in Schweden, Mathias Osvath dabei beobachtet wurde, wie Santino jeden Morgen pünktlich um 11 Uhr die Zoogäste wütend aus seinem Gehege heraus mit Steinen bewarf. Und zwar nicht mit zufällig herumliegenden Steingut, sondern mit einem gut ausgerüsteten und selbst angelegten Arsenal an Steinen, die er jeden Morgen zum Zwecke der Verteidigung im Flussbett seines Geheges sammelte, so dass er den Tag über genügend Munition hatte, um die Zoobesucher zu bewerfen. Für so eine Aktion jedoch - eine geplante Aktion offenbar - bedarf es jedoch eines Bewusstseins, was die Wissenschaft den Tieren bis jetzt noch nicht vollends zusprechen will und auch gar nicht darf, weil auf der Hand liegt, dass sich ein Bewusstsein für Planung erst dann einstellt, wenn es um die Bedürfnisbefriedigung zu Zeitpunkten geht, die noch gar nicht eingetroffen sind und von daher im Morgen liegen. Kapuzineraffen raffen das zum Beispiel gar nicht, was das Gefühl von Morgen und Übermorgen wiegt, um für Planungssicherheit zu sorgen. Sie stopfen so lange Fressen in sich hinein bis sie pappensatt sind und werfen das Restfutter dann sorglos aus dem Gehege als gäbe es kein Morgen. Und das tun sie auch dann, wenn sie schon die leidvolle Erfahrung überwinden mussten, wenn es tagsdrauf nichts zu futtern geht. Erfahrung spielt bei den Kapuzineraffen offenbar keine Rolle, um zu planen. Vielleicht planen sie genau deshalb nicht.

Da sind Totenkopfaffen schon anders drauf. Dies bewiesen sie in einem Experiment mit Datteln. Sie hatten die Wahl entweder eine Dattel oder aber gleich vier dieser süßen durstverursachenden Früchte vom Pfleger zu erhalten. Man möge nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung davon ausgehen, dass hier das Mehr ausschlaggebend sei und die Affen glauben vier gewinnt. Denkste. Schließlich wäre es kein Experiment, wenn es nicht auf ein Erkenntnis zusteuert. Und so muss man wissen, dass Datteln sehr durstig machen und die Totenkopfaffen, die vier Datteln nahmen, erst drei Stunden später Wasser bekamen. Anders die weitsichtigen Totenköpfe, die nur eine Dattel nahmen: sie bekamen bereits nach einer halben Stunde zu trinken. Die Tiere lernten vorausschauend bei der Dattelwahl zu sein und entschieden sich nach einer kurzen Testphase ausschließlich für die Wahl, dass unter Planeraspekten weniger auch mehr sein kann.

Aber warum kein Plan? Warum dann die Vermutung, dass Vögel Nester aus Planung heraus bauen. Seit Konrad Lorenz dürfte klar sein, dass der Nestbau bei Vögeln eine Kombination genetischer Veranlagung und der Naturgegebenheiten - also nichts weiter als ein Programm - darstellt. Ebenso das Horten von Vorratsnüssen und -Eckern von Eichhörnchen ist nicht von diesen Tieren eine Planung, um in mageren Zeiten dank Vorrat über die Runden zu kommen, sondern hat schlicht mit den herbstlichen Temperaturen und Lichtverhältnissen zu tun, weil die den Tieren pünktlich den Anstoss geben, sich auf den bevorstehenden Winter vorzubereiten. Nicht mehr und nicht weniger. Tiere galten bis dato als Wesen, die in den Tag hineinlebten. Getrieben nur von Hunger, Durst, Schlaf und - von Tier zu Tier verschieden - einer gewissen Portion Neugier. Planen und Verwalten war bisher Hoheitsgebiet des Menschen.

Im Gehirn des Menschen werden die Fähigkeiten Pläne für die Zukunft aufzustellen und durchzuziehen mit der Vergangenheit direkt an gespeicherte Erlebnisse, den Erinnerungen miteinander über das so genannte episodische Gedächtnis kombiniert. Dort werden persönliche Erfahrungen in einem Speicherareal abgelegt, welches auch durchaus Schaden nehmen kann. Denn Menschen, die dieses episodische Gedächtnis verlieren, verfügen weiterhin über erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten, wie z. B. dem Autofahren oder dem Schach und Skat spielen, aber wie sie an diese Fähigkeiten gelangt sind, daran können sie sich nicht erinnern. Weder an die Fahrprüfung, noch an die ersten Grundzüge beim Schach mit Opa Alfred und auch nicht an das aufkeimende Interesse, Skat lernen zu wollen, wenn Onkel Heini, Vati und Herbert an Wochenenden abends in der Küche spielten.

Eine andere wichtige Beobachtung, die die These stützt, dass auch Tiere planen, tätigte Nicola Clayton von der University of Campbridge mit Vögeln. Und zwar mit Buschhähern, von denen ihre außerordentlichen Gedächtnisleistungen bekannt sind. Wie zum Beispiel, dass sie sich an viele tausend Orte erinnern können, wo sie Futter vergraben haben. Darüber hinaus wissen sie auch, was für Futter sie wo vergraben haben und suchen gezielt danach. Klingt nach Planung. Also hielt Nicola ihren gefiederten Freunden, den Buschhähern Schmetterlingslarven und Erdnüsse in ihren Volieren an. Dazu sei gesagt, dass bei der Nahrungswahl wir Menschen möglicherweise die Erdnüsse bevorzügen. Für die Häher sind eher die Larven schmackhafter. Allerdings im Sinne der Vorratshaltung nicht so lange haltbar und schmackhaft wie die Nüsse aus dem vermeintlichen Erdreich. Nicola überließ den Tieren beide Nahrungsarten und ihnen genügend Zeit, um diese in der Voliere zu verstecken. Sofort danach siedelte sie alle Vögel komplett für vier Stunden um. Nach Ablauf der 240 Minuten quartierte Nicola Clayton die Buschhäher wieder zurück und die Vögel buddelten nur die leckeren Larven aus. Was wohl passieren würde, wenn statt vier Stunden, die Vögel unter gleichen Voraussetzungen fünf Tage umgesiedelt blieben, ehe sie zurück zu ihren Nahrungsverstecken durften? Richtig: die Buschhäher fanden sodann und ohne Aufhebens die Verstecke mit den Erdnüssen. Die Larven waren mittlerweile obsolet geworden.

 

Mitreden in: Biologie

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